Rücktrittsankündigung Pasternacks
Wissenschafts-Staatssekretär: Bedingungen für gestaltende Politik zu verengt
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Pressemitteilung SenWFK Berlin, den 3. Juli 2003
Wissenschaftsstaatssekretär Peer Pasternack tritt zurück
Der Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung, Dr. Peer Pasternack, hat den Regierenden Bürgermeister und den Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur um seine Entlassung aus dem Amt spätestens zum Beginn des Wintersemesters gebeten.
Pasternack: "Die Entscheidung des Senats von Berlin zur kurz- und mittelfristigen Hochschulfinanzierung, die am 1. Juli 2003 im Rahmen der Haushaltsbeschlüsse getroffen wurden, müssen selbstverständlich als Erfolg der Vernunft gewertet werden. Es konnten die ursprünglich diskutierten Szenarien - 300 Millionen Euro Zuschussabsenkung bei den Hochschulen, Reduzierung der Studienplätze auf 60.000, radikaler Abbau der Sozial- und Geisteswissenschaften usw. - vermieden werden. Der Stadt bleiben damit wesentliche ihrer Potentiale, die sie für den Gewinn einer Zukunft benötigt, erhalten. Gleichwohl sind die Bedingungen für gestaltende Politik derart verengt worden, dass ich für mich keine Möglichkeit sehe, über die Aufstellung des Doppelhaushaltes 2004/2005 hinaus im Senat von Berlin mitzuwirken."
Der Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Dr. Thomas Flierl, bedauert die Entscheidung Peer Pasternacks. " Dr. Pasternack war maßgeblich an den Erfolgen der Wissenschaftspolitik dieses Senates beteiligt. Die Tatsache, dass Berlins außeruniversitäre Forschungseinrichtungen auch in dieser Haushaltssituation vertragstreu finanziert werden, den Universitäten jetzt ein akzeptables Angebot für die Verlängerung der Hochschulverträge bis 2009 vorliegt, aber auch die Stärkung des politischen Mandats für Studierende, ein höherer Frauenanteil bei Berufungen und die zügige Einführung der Juniorprofessuren in Berlin sind Verdienste seiner Amtszeit. Gleichwohl respektiere ich die Entscheidung Peer Pasternacks, in die Wissenschaft zurückzukehren."
Dr. Pasternack wird an das Institut für Hochschulforschung an der Universität Halle-Wittenberg zurückkehren, an dem er bereits von 1996-2002 tätig gewesen war.
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Berliner Zeitung, Samstag, 05. Juli 2003
Der Denker gibt auf
Staatssekretär Peer Pasternack zerrieb sich zwischen seinen Idealen und der Senatsbürokratie
"Ich bin von Flierl enttäuscht"
Staatssekretär Pasternack über seinen Rücktritt und die Politik
Der Tagesspiegel, 8.7.2003
Herr Pasternack, Sie sind von Ihrem Amt als Staatssekretär
in der Wissenschaftsverwaltung nach den
Haushaltsentscheidungen des Berliner Senats
zurückgetreten. Waren für den Rücktritt persönliche oder
sachliche Gründe ausschlaggebend?
Mein Rücktritt ist allein in der Sache begründet. Ich bin über drei
Punkte enttäuscht: Erstens kann die Zahl von 85 000
Studienplätzen in Berlin nicht gehalten werden. Zweitens will der
Berliner Senat Studienkonten einführen mit der Folge, dass
Langzeitstudenten Studiengebühren zahlen müssen. Drittens wird
die Streichung von Investionsmaßnahmen im Hochschulbau
absurde Folgen haben.
Mit wie viel Studienplätzen rechnen Sie für die Jahre 2006
bis 2009?
Wenn beim Haushaltszuschuss für die drei Universitäten 75
Millionen Euro eingespart werden, können 8000 bis 10 000
Studienplätze verloren gehen. Diese Zahl wird zwar dadurch
relativiert, dass 3000 neue Studienplätze aus der Fachhochschule
für Verwaltung und Rechtspflege sowie aus der Berufsakademie
jetzt in den allgemeinen Hochschulbereich einbezogen werden.
Auch die Erhöhung der Lehrverpflichtungen wird sich auswirken.
Aber eigentlich ist das Augenwischerei. Alles dies wird nicht
ausreichen, um die 85 000 Studienplätze in Berlin zu halten.
Was stört Sie an den Studienkonten?
Es kann mir niemand erklären, warum Studenten, die gestreckt
studieren oder nach Ablauf der Regelstudienzeit keine
Hochschulressourcen mehr in Anspruch nehmen, Gebühren zahlen
müssen.
Warum ist die Streichung der Mittel im Hochschulbau für
Sie nicht akzeptabel?
Weil sie absurde Folgen hat: Die Streichung eines neuen Campus
für Wirtschaftswissenschaften und die Ingenieurwissenschaften der
Fachhochschule für Technik und Wirtschaft auf dem Gelände des
ehemaligen Kabelwerkes Oberspree wäre die letzte Chance für
Oberschöneweide gewesen, um den Stadtteil vor dem Umkippen
zu bewahren.
Und was sagen Sie zum Investitionsstopp in der Charité?
Hier finde ich es absurd, dass der unterirdische Versorgungsring für
die Kliniken und Institute nicht geschlossen werden kann. Ein
Versorgungstunnel, der als Ring geplant ist und bei dem das letzte
Drittel fehlt, ist nicht voll funktionsfähig.
Wenn Sie als Politiker Bilanz ziehen, was haben Sie
erreicht?
Wir haben in den letzten anderthalb Jahren so viel rangeklotzt wie
andere in einer ganzen Legislaturperiode. Unter anderem hatten wir
drei Haushalte zu bewältigen. Zu den positiven Ergebnissen gehört
die Einführung der Juniorprofessuren, die in Berlin im Gegensatz zu
anderen Ländern mit den vollen Rechten eines Professors
ausgestattet wurden und nicht nur die Rolle als verkappte
Assistenten spielen werden. Außerdem ist es gelungen, den
Investitionsstopp für den Wissenschaftspark Adlershof zu
verhindern, so dass dort die Institute für Psychologie und
Geographie angesiedelt werden können. Der Stopp für die Mensa,
der jetzt beschlossen wurde, wirkt sich nicht so gravierend aus, da
es in Adlershof bereits viele Verpflegungsangebote gibt. Außerdem
ist es mir gelungen, seit Jahren verhakte Probleme wie die Zukunft
des Instituts für Angewandte Chemie zu lösen und für das Problem
des politischen Mandats im Gesetz tragbare Formulierungen zu
finden.
Können Sie sich eine Rückkehr in die Politik vorstellen?
Zunächst habe ich von der Politik die Nase voll. Dass ich nicht
unmittelbar nach den Haushaltsberatungen zurückgetreten bin,
sondern für die Suche nach einem Nachfolger eine Zeit bis
Oktober gelassen habe, zeigt, dass ich keine verbrannte Erde
zurücklassen möchte. Ich trete gesinnungsethisch zurück und bleibe
verantwortungsethisch noch einige Monate dabei, bevor ich in
meine Position als Wissenschaftler an die Universität
Halle-Wittenberg zurückkehren werde.
Wie bewerten Sie die Haltung von Wissenschafts- und
Kultursenator Thomas Flierl?
Er hat kein Verständnis für meinen Rücktritt, obwohl ich seit etwa
einem halben Jahr die Sollbruchstellen für mein Verbleiben im Amt
deutlich gemacht habe. Zu meiner Überraschung ist Flierl von
meinem Rücktritt sehr überrascht gewesen.
Wie schätzen Sie die Rolle von Flierl als Wissenschafts- und
Kultursenator ein?
Er ist schon ein grandioser Kommunikator, der seinen eigenen Stil
in die politische Auseinandersetzung einbringt. Dieser Stil irritiert
viele, aber das macht einen wesentlichen Teil seines Erfolges aus.
Er zwingt seine Partner, sich auf seinen Kommunikationsstil
einzulassen. Das ist seine große Stärke. Auf der anderen Seite hat
es zwischen uns einige Abstimmungsprobleme gegeben, weil er
zeitweilig seine Aufmerksamkeit stärker der Kultur als der
Wissenschaft zugewandt hatte.
Glauben Sie, dass Flierl bald einen Nachfolger für Sie
finden wird?
Ich glaube, dass es zur Zeit für jeden Ressortchef schwierig sein
wird, eine geeignete Persönlichkeit für einen Staatssekretärsposten
zu finden.
Das Interview führte Uwe Schlicht.
"Qualität vor Tempo" - wer folgt Pasternack?
Der Tagesspiegel, 8.7.2003
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/feuilleton/257563.html Samstag, 05. Juli 2003 Der Denker gibt auf Staatssekretär Peer Pasternack zerrieb sich zwischen seinen Idealen und der Senatsbürokratie
Auszug:
Torsten Harmsen
Er war nicht gemacht für dieses Amt. Man hatte es schon ahnen
können in seinen ersten Tagen als Berliner
Wissenschafts-Staatssekretär, im Februar 2002. Damals saß Peer
Pasternack, der schmale, kultivierte Hochschulforscher aus Halle,
ziemlich verloren in seinem großen Büro in der Brunnenstraße.
Berlin war ihm fremd. Die meisten Leute, mit denen er reden und
verhandeln sollte, kannte er nicht. Er war ein Denker, hatte
Philosophie studiert. Man spürte es an jedem lange überlegten,
langsam gesprochenen, wohl geformten Satz. Am gestrigen Freitag
nun bat er - nach 17 Monaten als Staatssekretär - Senator
Thomas Flierl um Entlassung aus dem Amt bis zum
Wintersemester.
Pasternack begründet seinen Rücktritt mit der seltsamen
Erklärung, dass die Wissenschaftspolitik in Berlin zwar Erfolge
habe, er aber nicht mehr mitmachen könne. Zwar sei es gelungen,
das Horrorszenario einer dauerhaften Kürzung von 300 Millionen
Euro bei den Hochschulen abzuwenden. "Gleichwohl sind die
Bedingungen für gestaltende Politik derart verengt worden, dass
ich für mich keine Möglichkeit sehe, über die Aufstellung des
Doppelhaushaltes 2004/2005 hinaus im Senat von Berlin
mitzuwirken."
Das ist seltsam, denn bei seinem Amtsantritt war der gestalterische
Spielraum nicht viel größer. Damals, Anfang 2002, sollte die
Berliner Wissenschaft kurzfristig 68 Millionen Euro einsparen. Es
war auch schon die Rede davon, den Hochschulen dauerhaft 20
Prozent des Etats zu kürzen. Niemand wollte das Amt des
Wissenschaftsstaatssekretärs haben. Aber Peer Pasternack, der
Parteilose, folgte dem Ruf der PDS.
Pasternack rätselte damals auch schon, wie er aus seinem Hallenser Forschungsstübchen als Staatssekretär nach Berlin hatte geraten können. Man habe wohl jemanden gesucht, der eine "Nicht-Verankerung in Berliner Konfrontations-Milieus" mitbringe, sagte er. Ohnehin mache er im Fünfjahresabstand immer etwas Anderes. Warum also nicht mal Staatssekretär?
Pasternack tat alles, um seiner neuen Rolle
gerecht zu werden. Er war gut informiert - ob es um die dubiosen
Grundlagen einer Sparstudie im Auftrag des Finanzsenators, den
Vergleich von Hochschulkosten mit anderen Bundesländern oder
Vorschläge für eine Verwaltungsreform an den Universitäten ging.
Jetzt, nach seinem Rücktritt, lobt man seinen Sachverstand, seine
Kompetenz und seine Beharrlichkeit. Sein Ressort wies Erfolge
vor, mit denen nur unverbesserliche Optimisten gerechnet hatten:
Die Schließung des Uni-Klinikums Benjamin Franklin konnte
verhindert werden. Das Studentendorf Schlachtensee wurde
gerettet, der Neubau der HU-Bibliothek gesichert. Die
Berufsakademie und die kleinen Kunsthochschulen wurden aus
ihrer aktuellen Existenzbedrohung geholt. Und am Ende waren aus
den 300 Millionen Sparbeitrag, die der Finanzsenator von den
Unis gefordert hatte, lediglich 50 Millionen geworden. Den
Rücktritt Pasternacks kann also auch Senator Flierl nicht
verstehen. Er sei "vom Donner gerührt", sagte einer, der ihn am
Freitag getroffen hatte.
Es lässt sich nur so erklären, dass Pasternack dieses Amt schon
länger loswerden wollte und nur auf einen Anlass gewartet hatte.
Vielleicht war es der, dass Flierl nun endlich eine Staatssekretärin
für Kultur bekommen soll. Vor drei Tagen wurde es bekannt
gegeben. Pasternack hatte ihm - mit einem früheren Rücktritt -
natürlich nicht zumuten können, ganz ohne Staatssekretär
dazustehen.
Inhaltlich sehen manche den Grund darin, dass Flierl die
Einführung von Studienkonten in Berlin vorgeschlagen habe.
Was Pasternack unter "gestaltender Politik" verstand, bedeutete
auch mehr als die Rettung der einen oder anderen Institution. Vor
seinem theoretischen Hintergrund sind Universitäten Räume, in
denen "Gesellschaft sich selbst denkt" - entlastet von einem
unmittelbaren Verwertungsdruck. Wie wenig passte dies zu den
wirklichen Zwängen, denen die Berliner Universitäten unterworfen
sind! Vielleicht wollte Pasternack solche gesellschaftlichen
Denkprozesse mit anregen. Aber dafür stand er auf der falschen
Seite.
Er wirkte wie ein Fremdkörper in der Senatsverwaltung.
Mitarbeitern einer Kunsthochschule fiel während Verhandlungen
auf, mit welcher Nichtachtung der höchste Verwaltungsbeamte der
Wissenschaftsbehörde mit Pasternack, seinem Staatssekretär,
umging. Das begann bei der Sitzordnung: Der Beamte saß im
Mittelpunkt, Pasternack am Rande. Ein Mitarbeiter der FU
berichtet: "Während der Kuratoriumssitzungen konnte Pasternack
vier Stunden lang dasitzen und nichts sagen. Wir rätselten schon:
Ist das ein besonders hartes Pokerface?"
Nun zeigt sich: Pasternack war einfach überfordert, abgeprallt an
den Verwaltungsbeamten, er hatte sich zwischen seinen Idealen
und den Zwängen zerrieben. Nun geht er zurück an das Hallenser
Hochschulforschungs-Institut - beladen mit unschätzbarer Empirie,
aber unfähig, dabei etwas für sich selbst herauszuholen. Er verlässt
den Senat mitten in der Probezeit, ohne Versorgungsanspruch.
Den bekommt man in Berlin nach zwei Jahren. Pasternack hätte
noch ein gutes halbes Jahr warten müssen. Nein, er ist nicht aus
Berliner Politikerholz geschnitzt.
Zwei Staatssekretäre verlassen Senat
Berliner Zeitung - 3. Juli 2003
Helden der Kulturverwaltung
Berliner Zeitung - 3. Juli 2003
Berliner Zeitung, 28. Juni 2003
Sechs Professoren für zweitausend Studenten
Wie das Sparen die Berliner Universitäten zerstört
... Die Universität ist der Ort, an dem Studenten und Professoren im
Gespräch einen Raum erzeugen, in dem Gesellschaft sich selbst
denkt. So ähnlich hat es vor einigen Monaten Staatssekretär Peer
Pasternack formuliert. Es bleibt zu hoffen, dass sich solche Kräfte
beim derzeitigen Tauziehen durchsetzen.
Berlin D.C.
Ein Denkspiel - Von Wissenschafts-Staatssekretär Peer Pasternack
BerliNews, 4. 5. 2003 - ZN-2702
Personifizierte Dialektik
Dr. Peer Pasternack als Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung vorgeschlagen
BerliNews, 1. 2. 2002 - ZN-1085
Zu den wissenschaftspolitischen Seiten auf BerliNews
ZN-2817
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