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Medizin

Lebensmittel- und Ernährungswissenschaft im Strukturwandel

Innovationspotenziale für die Region Berlin-Brandenburg - Basispapier zum Forschungspolitischen Dialog

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TSB


26.02.2004, 08:45 - 15:00 - 13. Forschungspolitischer Dialog in Potsdam
Veranstaltungsort: Industrie- und Handelskammer Potsdam, Breite Straße 2a-c, 14467 Potsdam

Programm und Anmeldung hier

Zusammenfassung und Thesen zur Veranstaltung

Das Basispapier zum Forschungspolitischen Dialog informiert über den Wissenschafts- und den Wirtschaftsstandort Berlin-Brandenburg und stellt folgende Thesen zur Diskussion:
- Sämtliche Wissenschaftsdiziplinen, die sich mit Lebensmitteln und Ernährung befassen, unterliegen einem Strukturwandel, dem sie sich stellen müssen. Der Strukturwandel wird durch die wachsende Rolle der Biowissenschaften ausgelöst, die durch die Kenntnis des genetischen Codes von Menschen, Nutzpflanzen und Nutztieren an Bedeutung gewinnt.
- Der Wissenschaftsstandort Berlin-Brandenburg ist in den lebensmittel- und ernährungsrelevanten Disziplinen einer der bedeutendsten und leistungsfähigsten Forschungsstandorte in Deutschland, Er ist international wettbewerbsfähig. Im Bewusstsein von Politik und Öffentlichkeit wird er aber zu wenig wahrgenommen. Sein Außenauftritt ist verbesserungsfähig.
- Die Potsdamer Forschungslandschaft ist stark biowissenschaftlich und grundlagenorientiert geprägt. Die Berliner Wissenschaftslandschaft ist stärker ingenieur- und veterinärwissenschaftlich an der Praxis der Lebensmittelverarbeitung ausgerichtet. Die Berliner Universitäten stehen in lebensmittelrelevanten Disziplinen vor einem Generationenwechsel, den sie bewältigen müssen.
- Die Wissenschaft der Region hat einige Stärken, die sich besonders eignen, überregional Kooperationen mit den Großunternehmen der Lebensmittelindustrie anzustreben. Dazu gehören vor allem die Themen Functional Food und Nutrigenomik.
- Die Wissenschaft der Region hat aber auch eine Reihe von Kompetenzen, die dazu geeignet sind, die Vernetzung mit der mittelständischen Lebensmittelindustrie der Region stärker voranzutreiben. Dazu gehören die Themen Obst- und Gemüse, Ballaststoffe und Sensorik.
- Die Lebensmittelindustrie ist mit einem Umsatz von etwa 6 Mrd. EUR und 22.500 Beschäftigten einer der für die Region wichtigsten Wirtschaftszweige. In praktisch allen Branchen der Lebensmittelindustrie sind innovative Unternehmen vorhanden. Unternehmenszentralen mit Entscheidungskompetenzen sind allerdings nur in wenigen Branchen der Lebensmittelindustrie in der Region ansässig. Dazu gehören vor allem die Obst- und Gemüsebranche, die Hersteller von Erfrischungsgetränken und einige Einzelunternehmen aus verschiedenen Branchen. Die Landwirtschaft beschäftigt ca. 30.000 weitere Personen und erzeugt Produkte für fast 2 Mrd. EUR.
- Einige Innovationsnetzwerke haben sich in der Region gebildet. Stark wissenschaftsgetrieben ist das BioProfil Nutrigenomik, das mit der Einwerbung von 18 Mio. EUR Fördermitteln des BMBF einen herausragenden Erfolg erzielt hat. Stärker auf industrielle Probleme ausgerichtet ist das Tresternetz. Das Netzwerkpotenzial ist aber bei weitem noch nicht ausgeschöpft.
- Die Landesregierungen von Berlin und Brandenburg sollten gezielt Innovationsvorhaben zu Themen mit hohem Netzwerkpotenzial fördern. Auch das Erarbeiten eines gemeinsamen Außenauftrittes, der die Region als Forschungs- und Produktionsstandort für Lebensmittel positioniert und sich eignet, beispielsweise ein FuE-Zentrum eines Global Players der Lebensmittelindustrie in die Region zu bringen, bedarf der Unterstützung durch die Länder. Das Land Brandenburg sollte außerdem weitere Verarbeiter für regionale Agrarprodukte ansiedeln und Projekte fördern, die Funktionalitäten in Brandenburger Agrar-Rohstoffen erschließen.

Der Wissenschaftsstandort Berlin-Brandenburg

In der Region sind alle Disziplinen in nennenswerter Anzahl vorhanden, die klassischerweise eine Landwirtschaftsakademie ausmachen. Dies sind Landwirtschaft, Gartenbau und Forst, Ernährungswissenschaft, Lebensmitteltechnologie und Lebensmittelchemie, Veterinärmedizin und die Biologie der Nutztiere, außerdem die Biologie der Nutzpflanzen und neuere Gebiete wie die grüne Gentechnik, die Bioverfahrenstechnik und die Nutrigenomik. In der Region werden diese durch ernährungsmedizinische Kompetenzen und die Verpackungstechnik ergänzt. Bisher gibt es allerdings keinen gemeinsamen Außenauftritt, der die Region als Forschungsstandort aus einem Guss darstellt und nach außen als vernetzten Standort präsentiert, der internationalen Maßstäben genügt. Obwohl es die Wahrnehmbarkeit als Gesamtstandort erschwert, stellt es eine Stärke der Region dar, dass die klassischen Bestandteile einer Landwirtschaftsakademie, nicht in einem Zentralinstitut organisiert sind, sondern in der Trägerschaft von mindestens sechs Hochschulen und fünf bis zehn außeruniversitären Einrichtungen stehen. Dies kommt der Vielfalt zu Gute. Außerdem wird daran unmittelbar deutlich, dass die Dimension, die die lebensmittelrelevante Wissenschaft hat, die Größenordnung einer einzelnen landwirtschaftlichen Universität bei weitem übersteigt. Diese Stärke gilt es allerdings auch durch eine stärkere Vernetzung zu untermauern, für die die Gründung des Vereins zur Förderung der Nutrigenomforschung ein erstes positives Beispiel ist. Auch die Vernetzung der verarbeitungsnahen Disziplinen mit der regionalen Wirtschaft findet bisher eher in Einzelaktivitäten statt als als Netzwerk.

Die Akteure des Wissenschaftsstandortes im Einzelnen sind:
Universität Potsdam
Technische Universität Berlin (TU)
Humboldt Universität zu Berlin (HU)
Freie Universität Berlin (FU)
Charité Universitätsmedizin Berlin
Technische Fachhochschule Berlin (TFH)
Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE)
Institut für Agrartechnik Bornim (ATB)
Institut für Gemüse und Zierpflanzenbau Großbeeren-Erfurt (IGZ)
Max Planck Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie Golm (MPIMP)
Produktionstechnisches Zentrum Berlin (PTZ)
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, Berlin (MDC)
Hahn-Meitner-Institut Berlin (HMI)
Etliche Ländereinrichtungen, privatwirtschaftliche Forschungseinrichtungen und Forschungsunternehmen wie das Institut für Getreideverarbeitung (IGV) oder das Institut für agrar- und stadtökologische Projekte an der Humboldt-Universität (IASP)
vier Bundeseinrichtungen und Bundesoberbehörden
Drei weitere Max-Planck-Institute bearbeiten ernährungsrelevante Themen am Rande, die MPIs für Infektionsbiologie (MPIIB), für molekulare Genetik (MPIMG) und für Kolloid- und Grenzflächenforschung (MPIKG)
Drei weitere Institute der Leibniz-Gemeinschaft, das Zentrum für Agrarlandschafts- und Landnutzungsforschung (ZALF), das Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und das Forschungsinstitut für molekulare Pharmakologie (FMP) bearbeiten Lebensmittelrelevantes am Rande
Fachhochschulen wie die FH Eberswalde und die Fachhochschlue für Technik und Wirtschaft in Berlin (FHTW) sind nicht lebensmittelrelevant, gehören aber zum Gesamtbild des Standortes.

Die Forschungslandschaft, universitär wie außeruniversitär, hat in Potsdam mit der Deutschen Einheit die Chance zur Generalerneuerung oder zum Neuanfang gehabt und genutzt. Die Potsdamer Forschungslandschaft, einschließlich Nuthetal, Großbeeren, Golm und Werder, hat aktuelle Themen vor allem biowissenschaftlicher Ausrichtung besetzt und wird außerhalb der Region als sehr starker Wettbewerber wahrgenommen. Die Stärke des Potsdamer Forschungsumfeldes liegt in biowissenschaftlich-medizinisch orientierten Themen wie der Nutrigenomforschung, der molekularen Ernährungswissenschaften, der Ernährungsmedizin und -toxikologie sowie der Genomforschung und der Forschung an Stärke und Ballaststoffen. Die Erforschung nahezu sämtlicher Fragestellungen rund um die Pflanze, von Funktionen auf der molekularen Ebene bis hin zu Fragen rund um Anbau, Ernte-, und Nacherntetechnik gehört zum Repertoire der Forschungslandschaft um Potsdam. Die letztgenannten Themen werden ergänzt durch eine Reihe weiterer stark etablierter landwirtschaftsnaher Themen wie Pflanzenvermehrung, precision farming, nachwachsende Rohstoffe und Verwertung und Entsorgung von Ab- und Beiprodukten aus Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie. Lebensmittel- und ernährungsrelevante Themen aus dem biowissenschaftlich-medizinischen Bereich und rund um die Pflanze sind vereinzelt auch in Berliner Einrichtungen vertreten, insgesamt liegt der regionale Schwerpunkt dieser Themen in Potsdam und einigen Randgemeinden.

Verarbeitungsnahe Forschungsthemen, die näher an der betrieblichen Praxis der Lebensmittelindustrie liegen, sind stärker in Berlin vertreten. Im Potsdamer Umfeld beschäftigen sich im wesentlichen nur das IGV und einigen Unternehmen mit industriellen Fragen. Die wesentlichen Einrichtungen in Berlin sind die lebensmitteltechnologischen Fachbereiche von TU und TFH, die Lebensmittelhygiene der FU und das IASP. Die in diesen Fächern tätigen Wissenschaftler, vor allem von TU und FU, werden außerhalb der Region ebenfalls als starke Wettbewerber angesehen. In beiden Einrichtungen weisen die Wissenschaftler selbst allerdings auf den anstehenden Generationswechsel hin, von dessen erfolgreicher Bewältigung im Wesentlichen die Entwicklung der nächsten Jahre abhängen wird. Der Schwerpunkt der Berliner lebensmittelrelevanten Kompetenz liegt eindeutig auf ingenieur- und veterinärwissenschaftlichen Themen der industriellen Lebensmittelverarbeitung. Diese Schwerpunkte werden in Berlin noch durch die ingenieurwissenschaftlichen Fachbereiche von TU, TFH, FHTW und dem PTZ ergänzt, die zwar keine spezielle Ausrichtung auf die Lebensmittelherstellung haben, die aber in allen Fragen der Herstellungstechnik über Kompetenzen verfügen. Etliche Forschungsnetzwerke wie Nutrigenomforschung und ProSenso.Net und Innovationsnetzwerke wie das Kompetenzzentrum Gartenbau und das Tresternetz sind etabliert. Diese sind in der Lage, Projekte zu organisieren und zu bearbeiten, die einzelne Akteure alleine vermutlich überfordern würden. In allen genannten Themen ist die Forschung der Region, sowohl in Berlin als auch um Potsdam, nach eigener Einschätzung und auch nach Einschätzung von Wissenschaftlern von außerhalb der Region international wettbewerbsfähig.

Berlin und Potsdam haben ein sich deutlich voneinander unterscheidendes Stärkenprofil herausgebildet. Da beide in ihren jeweiligen Gebieten von außen als starke Wettbewerber empfunden werden, kann dies als Erfolg angesehen werden.

Strukturwandel in den lebensmittelrelevanten Wissenschaften

Alle Fächer im Bereich der lebensmittelrelevanten Wissenschaften unterliegen einem Strukturwandel, der darauf zurückgeführt werden kann, dass die Biologie als Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts in den Einzeldisziplinen immer stärker an Bedeutung gewinnt. Die Kenntnis des genetischen Codes von Nutzpflanzen, Nutztieren und genetischer Unterschiede in der Verstoffwechselung von Lebensmitteln gewinnt zunehmend an Bedeutung. Dies gilt sowohl bei der Züchtung effizienter oder schädlingsresistenter Sorten als auch bei der Entwicklung neuer Rohstoffbasen und der Gewinnung ernährungswissenschaftlicher Erkenntnisse auf molekularer Ebene. Ein sich aus dieser Gemengelage vollständig neu entwickelndes Gebiet ist die Nutrigenomik, die gerade in der Region Berlin-Brandenburg besonders stark vertreten ist. Auch die klassischen Ingenieurwissenschaften im Bereich der Nacherntetechnik und der Lebensmitteltechnologie sind von dieser Entwicklung nicht unberührt. Zu den bisherigen Themen aus dem Bereich der Prozessführung und Produktverarbeitung tritt die ingenieurmäßige Beherrschung biologischer Eigenschaften und Funktionen hinzu.

Die Zukunft der Ernährungswissenschaft als Disziplin Oekotrophologie im engeren Sinne wird von einer ganzen Reihe Autoren äußerst kritisch betrachtet. Es wird allgemein ein Trend weg von der eher integrierenden Oekotrophologie konstatiert, der die einzelnen Wissenschaftler wieder stärker zu den Grundlagendisziplinen (von Physiologie und Medizin bis zur Soziologie) hinführt, unter anderem auch weil sowohl das Image der Basisdisziplinen als auch die Impact-Faktoren der einschlägigen Fachzeitschriften höher sind.

Die Agrarwissenschaften unterliegen dem Strukturwandel in besonderer Weise. Neben dem Wandel vieler wissenschaftlicher Themen hin zu biowissenschaftlichen Fragestellungen unterliegt auch die Agrarwirtschaft einem Strukturwandel, der Agrarpolitik immer stärker zur Europapolitik macht und der wegen der sinkenden Zahl der Betriebe auch seit Mitte der achtziger Jahre bundesweit zu einem Sinken der Studentenzahlen führt. Der vollständige Umbau des klassischen Agrarforschungsstandortes Weihenstephan, der mit einem "Memorandum zur Zukunft der Agrar- und Forstwissenschaften in Bayern" von der Leitung der Technischen Universität München 1997 eingeleitet wurde, und mittlerweile fast abgeschlossen ist, ist ein Beispiel für eine Reaktion auf diesen Strukturwandel.

Ein weiteres Beispiel einer erfolgreichen Strategie zur Bewältigung des Strukturwandels ist die Lebensmittelwissenschaft in den Niederlanden: Die Universitäten Wageningen und Maastricht haben durch eine prioritär verfolgte Ausrichtung auf die Bedürfnisse der Lebensmittelindustrie erreicht, dass sie heute sowohl einige der drittmittelstärksten Lebensmittelfakultäten Europas haben als auch in aktuellen Forschungsthemen wie der Nutrigenomforschung eine führende Rolle spielen.

Die Lebensmittelindustrie in der Region

Die Lebensmittelindustrie ist in Berlin und Brandenburg in Bezug auf Arbeitsplätze und Umsätze unterschiedlich strukturiert: Während in Brandenburg die Branchenzusammensetzung der Lebensmittelindustrie nahe an der bundesweiten Zusammensetzung liegt und damit sowohl der Zusammensetzung der erzeugten Rohstoffe der landwirtschaftlichen Primärproduktion als auch der Zusammensetzung eines normalen Speisezettels ähnelt, ist die Berliner Lebensmittelindustrie stark von den Produkten Kaffee, Süßwaren und Dauerbackwaren dominiert. Dies hat historische Ursachen, die in der Westberlin-Förderung begründet liegen. Alle genannten Daten stammen, soweit nicht anders benannt, aus einer Vielzahl ausgewerteter Quellen in einer Studie der TSB1, den statistischen Jahrbüchern für Deutschland , Brandenburg und Berlin und dem Brandenburger Agrarbericht.

Mit einem Gesamtumsatz von 3,6 Mrd. EUR war die Lebensmittelverarbeitung 2002 die nach Umsatz zweitwichtigste Branche in Berlin und mit einem Umsatz von 2,5 Mrd. EUR die wichtigste Branche des verarbeitenden Gewerbes in Brandenburg. Die Lebensmittelindustrie beschäftigte in 2002 insgesamt 22.600 Arbeitskräfte in der Region und war damit nach der Zahl der Arbeitslätze die viertwichtigste Branche in Berlin und die wichtigste Branche in Brandenburg. Die höchsten Umsätze pro Betrieb machen die Branchen Kaffee, Milch, Süßwaren, Schlachten und Erfrischungsgetränke. Die höchsten Umsätze pro Mitarbeiter finden sich in den Branchen Kaffee, Milch, Spirituosen, Futtermittel, Schlachten und Fruchtsäfte.

Weitere Branchen, die mit Lebensmitteln arbeiten, sind die Gastronomie, der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und die Landwirtschaft. Die Gastronomie beschäftigte 1999 in Berlin und Brandenburg etwa 50.000 Personen , (allerdings einschließlich der Hotellerie), der Lebensmittelgroßhandel und -einzelhandel etwa 18.000 Personen. Die Landwirtschaft beschäftigte in Brandenburg in 2002 etwa 17.000 nichtfamilienangehörige sozialversicherungspflichtige Personen bei einer Gesamtzahl von über 30.000 Beschäftigten. Die Größe von Gastronomie und LEH ist allerdings im Wesentlichen nicht von der Innovation, sondern von der Bevölkerungszahl und vom Tourismus abhängig. Insgesamt kann davon ausgegangen werden, dass die Primärerzeugung und die Verarbeitung von Lebensmitteln in der Region um 50.000 Personen beschäftigen. Die Distribution in Handel und Gastronomie dürfte etwa nochmal die gleiche Zahl an Arbeitskräften beschäftigen.

Bundesweit ist die Lebensmittelindustrie gemessen am Umsatz die viertwichtigste Branche des verarbeitenden Gewerbes (nach Autoindustrie, Maschinenbau und Chemieindustrie). Die Umsätze der Lebensmittelindustrie stagnieren, der Wettbewerb ist vom Verdrängungswettbewerb bestimmt. Nur "Sonderthemen" wie Öko-Ernährung, Nahrungsergänzungsmittel und Functional Food weisen hohe Wachstumsraten auf. Die Konzentration in der Lebensmittelindustrie ist relativ gering. 20% des Umsatzes entfallen auf die 10 größten Unternehmen (KfZ-Industrie: 80%). Erhebliche, insbesondere internationale Konzentrationsprozesse werden erwartet.

Berlin und Brandenburg sind keine Standorte, die für die Lebensmittelindustrie von überregionaler Bedeutung sind. Der Anteil der regionalen Lebensmittelindustrie am Gesamtumsatz der deutschen Lebensmittelindustrie entspricht in beiden Ländern ziemlich genau dem Anteil der Länder am deutschen BIP von 3,7% für Berlin und 2,1% für Brandenburg. Die wichtigsten Standorte der Lebensmittelindustrie sind Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern und Hessen. Eine Ausnahme sind die Kaffee- und die Kakaoverarbeitung in Berlin. Etwas über ein Drittel des Gesamtumsatzes der deutschen Kaffeeindustrie wird in Berlin erzielt. Die Berliner Süßwarenindustrie erzielt immerhin 11% des gesamten deutschen Branchenumsatzes. In Brandenburg ist die Erzeugung von Stärkeprodukten mit 16% des gesamten Branchenumsatzes von überregionaler Bedeutung. Hinter dieser Zahl stecken allerdings nur drei Betriebe. In allen anderen Branchen existieren sowohl in Berlin als auch in Brandenburg jeweils einzelne Betriebe mit überregionaler Bedeutung.

Umgekehrt ist aber die Lebensmittelindustrie für Berlin und Brandenburg von erheblicher Bedeutung: Neben ihrer Arbeitsplatzrelevanz ist sie auch ein wichtiger Investor. Die Investitionen der Lebensmittelindustrie betrugen in 2001 in Berlin 75 Mio. EUR und in Brandenburg 126 Mio. EUR. Die Lebensmittelindustrie der Region ist wie bundesweit auch durch eine Mischung aus wenigen Großbetrieben und einer Vielzahl von kleinen und mittleren Betrieben geprägt. 80% der Beschäftigten in der Berliner Lebensmittelindustrie arbeiten in Betrieben mit weniger als 500 Mitarbeitern, 50% arbeiten in Betrieben mit weniger als 200 Mitarbeitern . In Brandenburg ist die Größenstruktur vergleichbar . Zentralen von Markenartiklern mit überregionaler Bedeutung sind in der Region nicht ansässig.

In Berlin ist die Lebensmittelindustrie seit 1996 um ca. 20% geschrumpft . Seit 1999 ist sie um knapp 5% geschrumpft. Wie viel davon auf Kosten von Produktionseinstellungen und wie viel auf Outsourcing zurückzuführen ist, ist nicht zu ermitteln. Eine Betriebsbefragung von DIW und Regioconsult ergab in 2001, dass mindestens ein Drittel der Unternehmen der Lebensmittelindustrie Leistungen wegen Outsourcing aufgaben. Dabei zeigte sich auch, dass gerade in der Lebensmittelindustrie Forschung, Entwicklung und Projektierung besonders selten in Eigenleistung erbracht werden und dass ungefähr die Hälfte der outgesourcten Leistungen aus der Region bezogen wird.

Die Landwirtschaft zählt zwar nicht zur Lebensmittelindustrie, trotzdem seien noch einige Basisdaten über die Landwirtschaft genannt: Der Produktionswert der Brandenburger Landwirtschaft lag im Jahr 1999 bei knapp 1,9 Mrd. EUR, davon waren etwa 1,2 Mrd. EUR Verkaufserlöse. Die Landwirtschaft beschäftigt immerhin 17.000 familienfremde vollbeschäftigte Arbeitskräfte und rund 12.000 teilzeitbeschäftigte familienfremde Arbeitskräfte. Die Erzeugnisse der Brandenburger Landwirtschaft sind viehwirtschaftliche Produkte wie Schlachtvieh und Milch, Viehfutter und pflanzliche Produkte. Rinder, einschließlich der Milchproduktion, und Schafe haben eine höhere Bedeutung als im Bundesdurchschnitt, Schweine eine geringere. Etwa die Hälfte der Feldfrüchte sind reine Futterpflanzen. Silomais und der Ertrag von Wiesen und Mähweiden machen, wie im Bundesdurchschnitt auch, etwas über 50% der erzeugten Mengen aus. Die Bedeutung des Roggens für Brandenburg ist alleine aus klimatischen Gründen und Gründen der schlechten Bodengüte mit fast 30% Anteil an der Gesamtproduktion an Feldfrüchten (ohne Futterpflanzen) herausragend. Brandenburg produziert knapp ¼ des gesamten Roggens in Deutschland. Winterweizen, Zuckerrüben und Kartoffeln sind weitere wichtige Produkte. Der Gartenbau trägt in Brandenburg etwa 20% zur Wertschöpfung in der pflanzlichen Produktion bei. Beim Freilandanbau von Gemüse sind Möhren und Gurken von herausragender Bedeutung. Möhren machen ein reichliches Drittel, Gurken ein knappes Drittel der Produktion aus. Spargel, Spinat, Kohl, Pflückerbsen, Pflückbohnen und Pilze sind weitere Produkt. Beim Obst beträgt der Anteil der Äpfel an der Produktion, wie bundesweit auch, knapp 80%. Kirschen sind ein wichtiges Erzeugnis, Pflaumen und Erdbeeren werden ebenfalls häufig angebaut. Mengenmäßig von geringerer Bedeutung, aber stark wachsend, sind "heimische exotische Früchte" wie Kulturrassen von Sanddorn, Wildbeeren, und Topinambur. Ob es diesen gelingt, die Erfolgsstory des Brandenburger Spargels nachzuahmen, bleibt abzuwarten. Die große Sortenvielfalt im Anbau und vor allem in den Versuchsstationen des Landesamts für Landwirtschaft und Verbraucherschutz gilt als genetische Reserve von nicht abschätzbarem Wert.

Innovation in der Lebensmittelindustrie

Die Lebensmittelindustrie zeichnet sich dadurch aus, dass sie im Vergleich mit anderen Branchen geringen internen FuE-Aufwand betreibt. Der interne FuE-Aufwand in der Lebensmittelindustrie beträgt lt. Stifterverband im Bundesdurchschnitt nur 0,4% vom Umsatz (im Schnitt aller Branchen: um 4%) , das entspricht Gesamtaufwendungen der Lebensmittelindustrie von etwa 0,5 Mrd. EUR. Das ZEW gibt die Gesamtaufwendungen für Innovation in der Lebensmittelindustrie mit 1,9 Mrd. EUR in 2001 an, davon 1,1 Mrd. EUR für Investitionen und 0,8 Mrd. EUR für laufende Aufwendungen . An dieser Differenz ist gut ersichtlich, dass auf insgesamt niedrigem Niveau der Zukauf von Innovation in der Lebensmittelindustrie eine erhebliche Rolle spielt. Das Niveau der Innovationsaufwendungen ist gemessen am Umsatz das niedrigste im gesamten verarbeitenden Gewerbe. Es liegt absolut etwa auf dem Niveau, das Beratungsunternehmen oder distributive Dienstleister für Innovation aufwenden. Dies ist nur zum Teil auf die in der Lebensmittelindustrie im Vergleich mit anderen Branchen sehr langen Produktzyklen zurückzuführen, sondern auch darauf, dass es branchenüblich ist, Innovation zuzukaufen. Das Verhalten vor allem mittelständischer Betriebe, Innovation auf Zulieferer auszulagern, ist nicht spezifisch für die Lebensmittelindustrie, hier aber besonders ausgeprägt. Innovationsaufwendungen werden daher oft nicht als FuE-Aufwand, sondern als Investitionen sichtbar. Gemeinschaftsentwicklungen in Kooperation mit Forschungsinstituten oder Hochschulen sind in der Lebensmittelindustrie eher die Ausnahme: 96% der FuE-Ausgaben in der Lebensmittelindustrie, Investitionen und Zukäufe nicht mitgerechnet, sind interne Aufwendungen. Neuentwicklungen werden also meistens entweder zugekauft oder vollständig selbst entwickelt. Das ZEW weist darauf hin, dass Betriebe mit weniger als 50 Beschäftigten einen bis zu dreifach höheren Innovationsaufwand betreiben als der Durchschnitt des Wirtschaftszweiges.

Trotz des geringen FuE-Aufwandes führt die Lebensmittelindustrie etwa 2.000 Produkte pro Jahr neu in den Markt ein, von denen allerdings bis zu 75% im gleichen Jahr und bis zu 90% in den ersten beiden Jahren wieder vom Markt verschwinden. Ein Großteil dieser Innovationen hat allerdings kaum akademisches Niveau.
Der Umsatzanteil, den die Lebensmittelindustrie mit innerhalb der letzten 5 Jahre neu entwickelten Produkten erzielt, beträgt lt. Stifterverband22 ca. 20%, außerdem ca. 20% mit Produkten, die in den letzten 5 Jahren verbessert wurden. Diese Anteile sind nur in der (im Gegensatz zur Lebensmittelindustrie äußerst FuE-intensiven) Pharmaindustrie ähnlich niedrig, in allen anderen Branchen sind die entsprechenden Umsatzanteile deutlich höher.

Auch die Zahl der Innovatoren und die Zahl der Unternehmen mit Marktneuheiten ist geringer als in anderen Branchen. Die Lebensmittel- und Tabakindustrie liegt auf Platz 8 von 12 Branchen des verarbeitenden Gewerbes. Im Jahr 2001 betrieben 57% der Unternehmen der Lebensmittelindustrie überhaupt Innovation, 17% der Unternehmen hatten in 2001 Marktneuheiten. Marktneuheiten werden am häufigsten von Großunternehmen, am seltensten von kleinen Unternehmen eingeführt. 19% der Unternehmen konnten in 2001 durch Innovation ihre Kosten um durchschnittlich 2,5% bis 4,5% senken.

Die vorstehenden quantitativen Angaben zum Innovationsverhalten der Lebensmittelindustrie liegen nur als bundesweite Erhebungen vor und sind wegen der relativ geringen Zahl an Unternehmen der Lebensmittelindustrie, die die Umfragen des Stifterverbandes bzw. des ZEW überhaupt beantworten, nicht in einer nach Bundesländern abgegrenzten Form zu erhalten. Aus diesem Grunde liegen für die Region Berlin-Brandenburg keine speziellen Angaben vor. Geht man jedoch davon aus, dass der Wirtschaftszweig in der Region sich durchschnittlich verhält, so lässt sich auf Basis des Anteils der Region an der gesamten Lebensmittelindustrie abschätzen, dass der FuE-Aufwand, den die Lebensmittelindustrie in Berlin und Brandenburg betreibt, zwischen 5 und 25 Mio. EUR an internem FuE-Aufwand und etwa 7 bis 35 Mio. EUR für Zukäufe von Innovation betragen dürfte. Die Lebensmittelindustrie in der Region dürfte zwischen 50 und 150 Personen als FuE-Beschäftige haben. Angesichts dieser Abschätzung ist der Markt für FuE-Kooperationen oder -Dienstleistungen in der Region also scheinbar gering und es erstaunt angesichts der geringen FuE-Aufwendungen beinahe, dass in fast allen Branchen der Lebensmittelindustrie in der Region innovative Unternehmen angetroffen werden konnten. Allerdings spielte selbst bei diesen die technische Produktentwicklung oft eine geringere Rolle als die Marktforschung und andere betriebswirtschaftliche Innovationsmethoden. Vergleicht man die Aufwendungen der Wirtschaft mit den in der Region geflossenen Fördermitteln des BMBF für lebensmittelrelevante Themen, dann zeigt sich allerdings, dass der Markt für Kooperationsprojekte mit der Wirtschaft in der Region zumindest ähnliche Größenordnungen hat wie die für die Wissenschaft wichtige BMBF-Projektförderung, aus der für lebensmittelrelevante Projekte zwischen 1995 und September 2003 etwa 1,4 Mio. EUR p.a. in die Region geflossen sind.

Von Lebensmittelherstellern werden bei Prozessinnovationen generell Projekte mit relativ kurzen Laufzeiten angestrebt, deren Ergebnisse in Zeiträumen unterhalb eines Jahres, besser eines halben Jahres bereits in die laufende Produktion eingeführt werden können. FuE-Projekte, die Dauer, Umfang und inhaltliches Niveau einer Doktorarbeit haben, sind eine äußerst seltene Ausnahme, selbst Umfänge einer normalen Diplomarbeit sind häufig schon eine klare Obergrenze. Wissenschaftliche Einrichtungen, die Kooperationen mit Lebensmittelherstellern anstreben, sollten deshalb die nachgefragten Projektlaufzeiten und Umfänge kennen. Bei Produktinnovationen werden etwas längere Laufzeiten in Kauf genommen, Wissenschaftler aus den Ingenieur- oder Naturwissenschaften sollten sich aber auch dabei im Klaren darüber sein, dass die technische Produktentwicklung bei Lebensmittelherstellern selten im Vordergrund steht. Betriebswirtschaftliche Methoden der Produktentwicklung, die im Marketing häufig eingesetzt werden (Brainstorming, Methode 635, Synektik, Delphi-Methoden, Attribute-Listing, Morphologischer Kasten und ähnliche Techniken) , und die Marktforschung spielen im Innovationsprozess der Lebensmittelindustrie häufig eine höhere Rolle. Insbesondere die Anwendung qualitativer Marktforschungsmethoden, Kundenfrequenzanalysen, der Informationsaustausch mit Handel und Verbrauchern und eine systematische Auswertung von Verbraucherreklamationen gelten im Innovationsprozess der Lebensmittelindustrie ebenso als Erfolgsfaktoren wie abteilungsübergreifende, kompetent besetzte Projektteams, die Innovationen entwickeln.

Autor des Basispapiers: Dr. Christian Hammel, Leiter Zukunftsfonds, TSB Technologiestiftung Innovationszentrum Berlin
e-Mail: hammel@technologiestiftung-berlin.de

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