DocAldi: Selbstdiagnose im Supermarkt
Dr. Markus Müschenich blickt im "ConceptHospital" in die Zukunft des Gesundheitswesens
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Wenn aus der Klinik ein Supermarkt wird
Interview mit Dr. Markus Müschenich, Medizinischer Vorstand des Vereins zur Errichtung evangelischer Krankenhäuser e.V. (VzE) in Berlin
Presseinformation des Hauptstadtkonresses - Auch hier zu lesen
http://www.hauptstadtkongress.de/2007/interview_070509.php
Im Gesundheitswesen bleibt nichts, wie es war: Aus Kliniken werden innovative Gesundheitsunternehmen. Arztpraxen, Apotheken und Kassen mutieren zu modernen Dienstleistern, die neue Angebotspakete und Wahltarife anbieten. "ConceptHospital", ein Brainpool aus Ärzten, Klinikmanagern und Wissenschaftlern, stellt einige seiner Zukunftsszenarien beim Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2007 vor. Wir sprachen mit Gründer und Ideengeber Dr. Markus Müschenich - über Visionen in der Gesundheitswirtschaft, Geldverdienen als Arzt und einen Autokauf, bei dem sogar der Befund der Röntgenaufnahme der Wirbelsäule eine Rolle spielt.
Herr Dr. Müschenich, haben es Visionäre schwer in der Gesundheitswirtschaft?
Müschenich: Ganz im Gegenteil. Mit Standardlösungen, die Sie über Google finden, können Sie keine nachhaltigen Strategien entwickeln. Also steigt der Bedarf an neuen Ideen. Gefragt sind Visionen, die Unternehmen helfen aus dem beschaulichen Gesundheitswesen heraus in den Markt für Gesundheit einzutreten. Und da geht es dann nicht mehr um ein bisschen Evolution, sondern eher um Killerapplikationen, soll heißen: Was kommen wird, wird die Gegenwart verblassen und vergessen lassen.
Sie thematisieren in der diesjährigen Sitzung das Geldverdienen im Gesundheitswesen. Bislang ging es primär darum, kranke Menschen zu heilen und sie zu betreuen so gut es geht. Statt Ethik also nur noch Monetik?
Müschenich: Der Einfluss unseres Gesundheitssystems am Verlauf der zehn häufigsten lebensbedrohlichen Erkrankungen wird auf etwa 10 % geschätzt. Der Wirkungsgrad liegt im Bereich einer Glühbirne, die mehr heiße Luft als helles Licht produziert. Und damit werden heute hunderte von Milliarden Euro verdient. Insofern könnten wir tatsächlich ein Problem mit der ethischen Rechtfertigung der Ausgaben für unsere Gesundheitsversorgung haben. Was also spricht gegen eine klare marktorientierte Struktur, in der für das bezahlt wird, was der Patient eigentlich erwarten darf - effektive und effiziente Versorgung? Wenn es einem Gesundheitssystem, dessen Finanzierungsgrundlage solidarisch gestaltet ist, nicht gelingt die Mittel so zu verwenden, dass "guter Arbeit" auch "gutes Geld" folgt, dann wird es zwangsläufig zur einer Entsolidarisierung kommen. Denn wer sollte erklären, dass der Solidarbeitrag offiziell verschwendet werden darf?
Sie plädieren für blühende Gesundheitslandschaften. Doch der Staat ist pleite und tritt den Rückzug an. Wer gestaltet und finanziert dann den Gegenentwurf zur medizinischen Versorgungseinöde?
Müschenich: Wenn sich die Architekten des Gesundheitswesens nicht in der Lage sehen, für Menschen außerhalb von Ballungsgebieten eine adäquate Versorgung sicherzustellen, dann ist dies kein Problem der Marktfähigkeit des Produktes Gesundheitsversorgung, sondern ein Signal für die Marktunfähigkeit der traditionellen Vertriebswege in der Medizin. ConceptHealth hat verschiedene Szenarien zu den Vertriebswegen der Zukunft entwickelt. Interessant in diesem Zusammenhang ist der Ansatz des "remote onhealth control". Auf der Basis einer Lebensgesundheitsakte wird der Patient - vergleichbar mit dem Vorgehen beim Internetbanking und der Computerfernwartung - interaktiv in der Selbstdiagnose und -therapie begleitet. Chronisch Kranke sind permanent online bzw. onhealth. Wer nicht über das heimische Netzwerk angeschlossen ist, geht in ein Selbstdiagnostikzentrum. Diese werden dann als virtuelle Portale von den verbleibenden Krankenhäusern betrieben und können durchaus im lokalen Supermarkt zu finden sein. Insgesamt werden die Software und die Netzinfrastruktur enorm wichtig werden. Es ist also zu erwarten, dass in der Zukunft der Einfluss von Microsoft, T-Systems und SAP auf den Alltag im deutschen Gesundheitssystem weit größer sein wird als beispielsweise der der AOK.
Sie fragen, ob der Arzt noch Mediziner sein muss? Das müssen Sie uns erklären.
Müschenich: Eines der zentralen Diskussionsthemen ist im Augenblick die Frage nach der primären ärztlichen Kompetenz. Viele Aufgaben, die zum Beispiel in den Krankenhäusern bislang Ärzte wahrgenommen haben, werden mehr und mehr an Nicht-Ärzte übertragen. Das betrifft längst nicht mehr nur administrative, sondern zunehmend auch patientennahe Tätigkeiten. In einigen stark standardisierten operativen Fächern wie z.B. der Kardiochirurgie werden weite Teile von Eingriffen schon heute ohne Ärzte durchgeführt. Dass wird zwangsläufig zu Entwicklungen führen, die wir schon aus anderen Bereichen des Gesundheitswesens kennen. Der nächste Schritt ist der "Generic Doc", ein Nicht-Mediziner, der viele Tätigkeiten genauso gut wie der "Original-Arzt", aber deutlich kostengünstiger ausführen wird. Die eigentlich spannende Frage, über die es insbesondere aus Sicht der Ärzte nachzudenken gilt, ist die nach der primären ärztlichen Kompetenz. Diese wollen wir auch auf dem Hauptstadtkongress intensiv diskutieren. So wird der Chirurg von übermorgen vielleicht nur noch die Operationsindikationen stellen und verantworten, ansonsten aber simultan mehrere Operationsteams aus Robotern und Generic Docs führen ? Auch den Kardiologen, der heute beinahe ganztägig persönlich Herzkatheterinterventionen durchführt, wird es in dieser Form übermorgen kaum noch geben, da der gut ausgebildete Generic Doc und computergestützte Expertensysteme viele seiner Aufgaben übernehmen werden.
In einem Aufsatz zum Thema ConceptHospital führen Sie und Ihre Mitstreiter Axel Ekkernkamp, Pascal Scher und Dirk Richter aus, nicht mehr die Episode einer Erkrankung, sondern die umfassende Integration von Gesundheitsdienstleistungen in den Alltag des Verbrauchers müsse zum Maßstab des medizinischen und unternehmerischen Handelns werden. Wie hat man sich das vorzustellen? Jeden zweiten Tag Gesundheit und Wellness einkaufen gehen bei "MedEdeka" und "DocAldi" um die Ecke!?
Müschenich: 50 % des Krankheitsgeschehens bei chronischen Erkrankungen sind abhängig von unserem Lebensstil - werden also im Alltag gebahnt. Wenn so der Alltag zum Schlüssel der Prävention wird, muss dieser stärker in die Weiterentwicklung unseres Gesundheitssystems einbezogen werden. In einem unsere ConceptHospital- Szenarien haben wir beschrieben, wie der gesundheitsbewusste Bürger in der Zukunft nicht nur online sondern vor allem onhealth ist. So wird der Einkauf im Supermarkt zum Echtzeit-Erlebnis in Sachen Prävention, wenn im Einkaufswagen nur Dinge landen, die individuell auf die Gesundheitsverträglichkeit geprüft sind. Mittels RFIDTechnik ist es durchaus vorstellbar, dass die Produktinformationen einzelner Lebensmittel mit den aktuellen Laborparametern des Käufers, die online aus der Lebenskrankenakte zur Verfügung stehen, abgeglichen werden. So wird statt Butter das Olivenöl empfohlen, und der Erdnussallergiker wird darauf aufmerksam gemacht, dass die Erdnussbutter im Fertiggericht durchaus gefährlich werden könnte. Und beim nächsten Autokauf wird die Sitzform des Sportsitzes ungefragt mit dem Befund der Röntgenaufnahme der Wirbelsäule verglichen und direkt abgefragt, ob das Auto auch den geeigneten Pollenfilter für die Allergie auf Frühblüher eingebaut hat. Informationen, die die Lebensqualität weit mehr steigern als das aktuelle Testergebnis zur Griffigkeit des Lederlenkrades. Und wer so seine Erkrankungswahrscheinlichkeit reduzieren hilft, der bekommt auf seinem Gesundheitskonto Punkte gut geschrieben - einzulösen gegen einen Wellness-Urlaub oder zur Senkung der Versicherungsprämie.
Konfrontieren wir die Vision mal mit der Realität: Stellen Sie sich vor, ein Klinikmanager fragt Sie, wie er sein Krankenhaus aus den roten Zahlen bringen soll. Was raten Sie ihm?
Müschenich: Hat das Krankenhaus ein Kostenproblem, dann ist Kostensenkung - also das Tagesgeschäft eines Krankenhausmanagers - angesagt. In der Zukunft häufiger anzutreffen sein wird allerdings das Problem der fehlenden Einnahmen - also der ausbleibenden Patienten. Ein Gesundheitsmarkt mit den Regeln des Wettbewerbs wird dazu führen, dass sich die Patienten genauer als heute überlegen werden, in welches Krankenhaus sie gehen werden. Und wenn die Wettbewerber gute medizinische Qualität liefern, dann wird es eben nicht ausreichen "nur" eine gute Medizin und Krankenpflege anzubieten. Dann sind in der Tat Visionen angesagt. Und so muss das Krankenhaus eben den Supermarkt um die Ecke zum Eingangsportal des Krankenhauses machen und dort Sprechstunden ohne Wartezeit anbieten. Dann gibt es eben Rabatt, wenn die ganze Familie im Fall der Fälle nur ein und dasselbe Krankenhaus aufsucht, oder der Patient im Standby darauf wartet, dass er für einen ausgefallen elektiven Patienten einspringt und so die Auslastung von OP und Station sicherstellen hilft. Als Anreiz ist natürlich auch die Nasenkorrektur in derselben Narkose zum Sonderpreis denkbar. Außerdem garantiert die Hospital Club Card die Chefarztbehandlung für Kassenpatienten, und natürlich wird die die Lebenskrankenakte auf dem krankenhauseigenen Server als Gratisleistung gepflegt. Und sollte der Patient einmal länger als zehn Minuten in der Notaufnahme warten müssen oder kann der Arztbrief am Entlassungstag nicht mitgegeben werden, ist ein Gutschein für eine Behandlung in der Physiotherapie ebenso im Angebot wie ein Gratis-Shuttle nach Hause.
Das Interview führte: Thomas Hommel
Thomas Hommel - WISO S.E. Consulting GmbH - Fon: +49 (30) 26 39 24 9 0 - - presse@wiso-gruppe.de
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ConceptHospital 7.6: Deutsches Ärzteforum 2007 wagt Blick in die Zukunft
Die Sitzung ConceptHospital 7.6 findet am Mittwoch, 20. Juni, in der Zeit von 14.00 Uhr bis 15.45 Uhr statt.
BERLIN (7. Mai 2007) - Die Auftaktsitzung des Deutschen Ärzteforums beim Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit im Berliner ICC gehört traditionell den Visionären in der Gesundheitswirtschaft: "ConceptHospital", ein Brainpool aus Ärzten, Klinikmanagern und Wissenschaftlern, nutzt den Kongress jedes Jahr, um einige seiner aktuellen Zukunftsszenarien für die im Umbruch befindliche Gesundheitsbranche einem größeren Fachpublikum vorzustellen. Notwendig, betont Vordenker Dr. Markus Müschenich, sei dieser "mutige Blick in die Zukunft" allemal, denn: "Mit Standardlösungen, die Sie über Google im Internet finden, können Sie keine nachhaltigen Strategien für die Gesundheitswirtschaft der Zukunft entwickeln. Also steigt der Bedarf an neuen Ideen. Gefragt sind Visionen, die Unternehmen helfen, aus dem beschaulichen Gesundheitswesen heraus in den Markt für Gesundheit einzutreten", sagt Müschenich, Medizinischer Vorstand des Vereins zur Errichtung evangelischer Krankenhäuser e.V. (VzE) in Berlin.
In diesem Jahr beschäftigt sich die Sitzung "ConceptHospital 7.6" mit dem Thema "Geldverdienen im Gesundheitswesen". Auf dem Programm stehen die "Gesundheit auf dem Markt der Märkte" und die Vision der "Blühenden Gesundheitslandschaften" anstelle von Versorgungseinöde. Außerdem geht es in der Sitzung um die Frage nach der primären ärztlichen Kompetenz. Diese wird derzeit u.a. im Zuge der Debatte um eine Neuverteilung der Gesundheitsberufe diskutiert "Viele Aufgaben, die zum Beispiel in den Krankenhäusern bislang Ärzte wahrgenommen haben, werden mehr und mehr an Nicht-Ärzte übertragen", kommentiert Müschenich. So werde etwa der Chirurg von übermorgen vielleicht nur noch die Operationsindikationen stellen und verantworten, ansonsten aber simultan mehrere Operationen mit Hilfe von Robotoren und "Generic Docs" - Nicht-Mediziner - steuern. Nur eine von zahlreichen Visionen, die der Brainpool "ConceptHospital" beim Deutschen Ärzteforum 2007 vom 20. bis 22. Juni in Berlin vorstellen wird.
http://www.hauptstadtkongress.de
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