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Informatik-NC in Berlin: Warum handelt keiner?

Die "Stadt des Wissens" limitiert ihre Zukunfts-Ressource Humanpotenzial

BerliNews fragte: Kann Berlin den Informatik-NC abwenden ?
Anscheinend nicht. Die Dekanin des Fachbereichs Informatik der FU Berlin, Prof. E. Fehr, mailte BerliNews am 29. April:

"Leider gibt es noch keinen Durchbruch zur Vermeidung der Zulassungsbeschränkung in den Informatikstudiengängen. Inzwischen drängt die Zeit, weil der Akademische Senat der FU am 17.5. die Zulassungsbeschränkungen für das kommende Wintersemester beschliessen wird. An TU und HU sieht es ähnlich aus.

Bis jetzt gibt es nur den eher hilflosen Appell von mir, bis zum 31.5.2000 (meinem 50.Geburtstag) auf das Spendenkonto unseres Fachbereichs für weitere Studienplätze im Fach Informatik zu spenden. Gründe für private, steuerlich absetzbare Spenden gibt es genug:

- Interesse an Informatikabsolventen
- Hilfe für unser ländliches Bildungssystem
- Vermeidung von hohen Weiterbildungskosten in der Zukunft
- ein perfektes Geschenk zum 50. Geburtstag der Dekanin des Fachbereichs Mathematik und Informatik der FU

Das Spendenkonto des Fachbereichs lautet:
Hauptkasse der FU-Berlin
KtoNr.: 3901 999 303
BLZ: 100 200 00 (Berliner Bank)
zugunsten 000/19031988
Stichwort: Kein NC in Informatik"

BerliNews wird diese Seite an die Stiftung Klassenlotterie weiterreichen. Wer 28 Millionen Mark zur Finanzierung einer Ausstellung zum Thema Zukunft übrig hat, sollte wissen, wo mit weniger Geld besser für die Zukunft zu investieren wäre. - Siehe auch hier

Auf Bundesebene deutet sich Bewegung an:
dpa 30.4.2000 / Kölner Stadt-Anzeiger 1.5.2000
Bulmahn plant neues Sonderprogramm für Informatik

BerliNews hatte eine solche Aktivität bereits Ende März vorgeschlagen, in einem Pressegespräch mit den Berliner Informatik-Dekanen. - Lesen Sie hier:
Berlins Informatik vor dem Numerus Clausus - Mit 15 Millionen DM könnte die Blamage abgewendet werden
"...Möglicherweise auch von Bundesseite. Als sich vor 10 Jahren die Hochschulen in einer ähnlichen Misere befanden, und Studentenstreiks die Gelehrtenrepublik erschüttertenn, da legte Bundesbildungsminister Möllemann das Hochschulsonderprogramm (HSP) auf, dem weitere folgten, womit unter anderem die PC-Ausstattung der Unis verbessert werden konnte. „Heute sind unsere Spielräume noch enger“, stellt FU-Informatikerin Fehr fest. „Deshalb wäre ein solches Sonderprogramm das Adäquate“."

Vielleicht könnte man das gleich mit diesem Programm kombinieren :
Ein „Hauptstadt-Forschungsförderungsprogramm“ für den wissenschaftlichen Nachwuchs
Interview mit HRK-Präsident Prof. Dr. Klaus Landfried

Lesen Sie auch:

BerliNews 12. 4. 2000
Braucht Berlin die "Greencard"? - Wer verhindert den Informatik-NC?

BerliNews 12. 4. 2000
Kann Berlin den Informatik-NC abwenden ?
Der aktuelle Test für die Innovationsfähigkeit des Standorts Berlin


Beschluß des FU- Fachbereichsrats vom 26.4.2000 zum TOP "Ueberlast in der Informatik"

Der Fachbereich Mathematik und Informatik hält eine Zulassungsbeschränkung im Fach Informatik in der gegenwärtigen Situation für unverantwortlich gegenüber den Studierwilligen, da auch langfristig ein hoher Bedarf an Informatikern erwartet wird. Der Verzicht auf eine Zulassungsbeschränkung ist aber nur bei einer Personalausstattung vertretbar, die deutlich über die Sollstruktur hinausgeht.

Die beste Lösung wäre eine Ausstattung entsprechend der Empfehlung des Wissenschaftsrats im Umfang von 14 Informatikprofessuren. Da dies aufgrund der restriktiven Haushaltslage nicht machbar erscheint und Hilfe von außen bisher nicht in Sicht ist, sieht sich der Fachbereich trotz aller Anstrengungen nicht in der Lage, auf eine Zulassungsbeschränkung zu verzichten.

Die derzeitige Kapazität von 100 Studienanfängern jährlich im Diplomstudiengang Informatik und jeweils 25 Studienanfängern in der Lehramts- bzw. Magisterausbildung soll in Absprache mit dem Präsidium durch folgende Maßnahmen auf 200 plus jeweils 25 angehoben werden:

1. Besetzung aller Sollstrukturstellen im wissenschaftlichen Mittelbau

2. Besetzung aller 9 Informatikprofessuren des Sollstellenplans bzw. Bewilligungen von Vertretungsprofessuren im Falle von Vakanzen.

3. Absenkung der Betreuungsdichte in allen Veranstaltungen.

Der Fachbereich bemüht sich weiterhin um die Erweiterung seiner Kapazitäten, damit die Zulassungsbeschränkung entweder doch noch abgewendet bzw. baldmöglichst wieder aufgehoben werden kann.

Wir dachten, daß sich die Situation an der FU eigentlich mit diesem Sonderprogramm bessern sollte:
BerliNews, 9. 3. 2000
"Sonderprogramm Informatik" der FU
Erklärung von FU-Präsident Gaehtgens zur Ausbildungskapazität in der Informatik


Resonanzen auf die bisherigen Berichte in BerliNews zum NC-Debakel

Aus der TU Berlin
Herzlichen Dank für Ihre sehr substanziierte Berichterstattung über die Informatik in Berlin.

Aus der TFH Berlin
Treffend dargestellt, die Realitaet ist aber noch viel schlimmer.
Meine persoenliche Meinung:
Mit Geld alleine ist es nicht zu tun, denn um die grosse Menge an StudentInnen zu bewaeltigen brauchen wir auch Lehrkraefte. Wir haben aber auch groesste Schwierigkeiten, ueberhaupt an Lehrbeauftragten heranzukommen.
Unsere Labore sind sehr marode, denn sie muessten eigentlich alle 2-3 Jahre erneuert werden. Wir schaffen viel in Eigenarbeit an billigen Aufruestungen, aber irgendwo ist auch das zu Ende. Und auch wenn die Industrie uns viele neue Rechner schenken wuerden (was ich mir sehr freuen wuerde!), wir brauchen technischen Sachverstand, um sie anzuschliessen und zu betreuen. Wir muessen Labore geschlossen halten, weil wir nicht mal genuegend Hilfskraefte haben, um sie offen zu halten in den Abendstunden.
Die PolitikerInnen in Berlin haben die Hochschulen soweit heruntergemagert, dass es schwer sein wird, ein Sofortprogramm zu machen. Der NC an die Unis ist sicherlich der einzige Weg, eine halbwegs vernuenftige Ausbildung zu sichern.

Aus dem DFN
Sicher ist ein Schritt von Seiten der privaten Wirtschaft notwendig; denn deren Vertreter haben den Mangel an Fachkräften formuliert. Die Stiftung von Assistenzprofessuren (zeitlich befristet) ist dabei der richtige Weg. Da die Hochschulen über keine zusätzlichen Mittel für Infrastruktur wie z.B. Räume, verfügen, sollte das verteilte Lehren über entfernte Hochschulstandorte hinweg und das verteilte Lernen von häuslichen Arbeitsplätzen aus in seiner Bedeutung für die Zukunft nicht vergessen werden. Dafür steht das Wissenschaftsnetz bereit.

Aus dem ZIB
Alle Absolventen (ich betreue im Durchschnitt etwa 7 bis 8 Diplomanden pro Jahr) finden muehelos eine Stelle in der Industrie und koennen aus vielen Angeboten waehlen. Es wird inzwischen immer schwieriger, gute Studenten fuer eine wissenschaftliche Karriere zu interessieren, da die finanziellen Angebote der Industrie erheblich hoeher liegen, als das, was der Staat bieten kann.

Aus der Humboldt-Universität
Die Universitätsleitung der Humboldt-Universität beabsichtigte, in dieser Woche darüber zu beraten, wie die Informatik von Seiten der Hochschule unterstützt werden kann. Ein Ergebnis ist mir leider bisher nicht bekannt.
Da die mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät sich bereits für die Einführung eines NC im Fach Informatik ausgesprochen hat, ist der nächste Schritt, daß der Akademische Senat endgültig über diese Frage entscheidet. Dies wird voraussichtlich im Mai oder Anfang Juni geschehen.

Aus der FHTW
Wir haben schon einen NC wegen der nicht vorhandenen Kapazität! Für den Studiengang "Internationale Medieninformatik" z.B. gab es auf 40 Plätze für das vergangene Semester 183 Bewerber. Aufgenommen haben wir 60, heißt 123 mußten abgewiesen werden.
Ähnlich dramatisch ist die Situation in der Angewandten und der Wirtschaftsinformatik.
Hätten wir nur etwas mehr Geld!!! würden wir sicher kurzfristig mehr Studienplätze anbieten können.

Aus der FHTW
Die Situation in Fachhochschulen ist auf dem besten Wege, so wie in Uni's zu sein (siehe Ihre Meldung). Bei uns im Studiengang Wirtschaftsinformatik haben wir auf den gestiegenen Bedarf reagiert: mit sehr großen Engagement erreichen unsere Studentenzahlen im Studiengang Wirtschaftsinformatik nun bis zu 50% "Überlast" bei gleichbleibender / sinkender finanzieller Ausstattung, bei sehr knapper personeller Decke und bei keinem akademischen Mittelbau. Das hat auch Auswirkungen auf Lehrende und Studenten, auf eine Überbelegung der Labore bei der rechnerunterstützten Ausbildung u.v.m.
Da mein Arbeitsgebiet dem Hauptstudium Wirtschaftsinformatik zugeordnet ist und ich bereits viele Diplomarbeitsprojekte in enger Zusammenarbeit mit Unternehmen betreut habe, weiß ich, daß die Absolventen des Studienganges Wirtschaftsinformatik der FHTW oft einen sehr guten Einstieg in die Wirtschaft haben und daß sie unkompliziert in den Betrieben für ein breites Aufgabenspektrum eingesetzt werden (können).


Zur aktuellen Situation der Informatik an der TU Berlin und notwendige Maßnahmen

April 2000; Dokumentation

Abgesehen von einem Nachfrageknick zwischen 1993 und 1995, der durch eine restriktive und sehr kurzsichtige Einstellungspolitik der Wirtschaft hervorgerufen und durch den Ausfall eines gesamten Abiturjahrganges in Brandenburg verstärkt wurde, hat der Fachbereich Informatik an der TUB immer mehr Studienanfänger zu verzeichnen gehabt, als Studienplätze verfügbar waren. Meist überstieg die Nachfrage die Kapazität um 50 bis 100 %. Das vergangene Wintersemester brachte mit 175 % Überlast allein im Studiengang Informatik die höchste Nachfrage in der Geschichte des Fachbereiches. Grafiken zur Veranschaulichung sind diesem Schreiben beigefügt.

Ich halte diese Hinweise für wichtig, um der von mancher Seite ins Gespräch gebrachten These vom gegenwärtigen zwar bestehenden, aber möglicherweise sehr kurzfristigen Boom der Informatik zu widersprechen. Mit diesem Argument wird seit Gründung der Informatik-Fachbereiche der tatsächlich erforderliche Kapazitätsausbau gebremst oder - wie an der TU Berlin geschehen - Kapazitätsabbau betrieben. "Schweinezyklen" lassen sich, abgesehen von dem erwähnten einmaligen Nachfrageknick in der Informatik weder bei der Studienplatznachfrage noch auf der Seite der Arbeitsplätze in Wirtschaft und Verwaltung nachweisen.

Es kann also nicht allein darum gehen, kurzfristige Überbrückungsmaßnahmen zu ergreifen. Ziel muß es sein, die Hochschulinformatik bundesweit so auszubauen, daß sie in der Lage ist, alle Studierwilligen aufzunehmen und damit dem hohen Bedarf auf der Abnehmerseite entgegenzukommen. Daß gerade Berlin hier in besonderem Maße gefordert ist, muß angesichts der Bedeutung der Informationstechnik für den Standort Berlin nicht mehr hervorgehoben werden.

Die drohende Einführung eines lokalen NC in den Informatik-Studiengängen der Berliner Universitäten bereits zum kommenden Wintersemester ist widersinnig und außerhalb der Hochschulen niemandem zu vermitteln. Ausgerechnet ein Fach, in dem eine große Zahl Studierwilliger und ein großes Angebot an zukunftsträchtigen Arbeitsplätzen zusammentreffen, soll von Zulassungsbeschränkungen betroffen sein !

Die Abwendung dieser Entwicklung bedarf folgender gemeinsamer Anstrengungen von Hochschulen und Politik:

1. Die Wiedereinbeziehung des Studienganges Informatik in das Verteilungsverfahren der ZVS in Dortmund sollte umgehend erfolgen. Zugleich müssen alle Möglichkeiten ergriffen werden, um die vorhandenen Kapazitäten auszubauen.

2. Der Fachbereich Informatik kann durch folgende Maßnahmen, die bereits umgesetzt bzw. in der Planung sind, zu Vermeidung eines NC beitragen:

Der Fachbereich bemüht sich um die Einwerbung von Stiftungsprofessuren und Stiftungsmitteln für die Beschäftigung von wissenschaftlichen Mitarbeitern bei Industrie- und Forschungspartnern. Neben der im Besetzungsverfahren befindlichen Telekom-Stiftungsprofessur hat der Fachbereich dem Präsidenten ein unterschriftsreifes Abkommen mit der Firma SUN und eine Absichtserklärung der Fraunhofer Gesellschaft über die Einrichtung von Stiftungsprofessuren vorgelegt. Über eine weitere Stiftung gibt es aussichtsreiche Gespräche.

Der Fachbereich verstärkt seine Anstrengung insbesondere bei seinen Kooperationspartnern GMD und FhG um Gewinnung von Mitarbeitern, die zur unentgeltlichen Lehrtätigkeit in der TU bereit sind. Diese Lehre erfolgt bereits in beachtlichem Maße, kann aber nach Einschätzung der Beteiligten noch ausgebaut werden. Es muß allerdings darauf hingewiesen werden, daß diese Lehrbeauftragten wegen ihrer eigenen Einbindung in die Projekte ihrer Arbeitgeber zwar im Hauptstudium interessante und wichtige Ergänzungen bieten können, für die Grundstudiumspflichtlehre aber nicht in Frage kommen, da der Einsatz in diesen arbeitsintensiven Massenveranstaltungen den betroffenen Mitarbeitern kaum noch Zeit für eigene Forschungsarbeit ließen.
Der Fachbereich trägt weiterhin freiwillig eine deutliche Überlast, d.h. er ist bereit, mehr Studienbewerber zu betreuen, als Plätze vorhanden sind. Diese Überlast wird durch Erhöhung der Gruppengrößen, erhöhten Einsatz der Beschäftigten in der Lehre, eine Verringerung der Zahl von Wahlmöglichkeiten im Hauptstudium und erhöhte Eigenarbeit der Studierenden aufgefangen.
Sie findet nach Ansicht des Fachbereiches allerdings ihre vertretbare Grenze bei 50 % über der errechneten Kapazität.

3. Die Unterstützung durch die TU-Leitung und die zentralen Gremien der TU Berlin muß stärker ausfallen als bisher geschehen. Die TU ist zwar durch die Mittelkürzungen der vergangenen Jahre in einer verzweifelten Lage, ich kann mich aber dennoch den Ausführungen von Frau Senatorin Thoben zu Möglichkeiten einer Umverteilung von Ressourcen voll anschließen. Ein Strukturplan darf nicht Aspekte der Nachfrage von Studierwilligen und Arbeitgebern und des gesellschaftlichesn Bedarfes so vernachlässigen, wie das im gegenwärtigen Plan geschieht.

Die dem Fachbereich Informatik vom Präsidenten zugestandene Besetzungsquote bei den wissenschaftlichen Mitarbeitern von 100 % ist anzuerkennen, sie verliert aber ihren Glanz, wenn man hinzufügt, daß sich diese Besetzungsquote auf das Strukturplan-Soll von 80,5 Stellen bezieht, während der Vorgänger der Strukturplanes, der Hochschulentwicklungsplan III noch 115 Stellen vorsah. Mit dem Strukturplan verlor der FB Informatik gegenüber HEP III 379 Jahreswochenstunden Lehrkapazität, d.h. es erfolgte ein Abbau von ca. 100 Studienplätzen in der Informatik und weiteren 30 in der Technischen Informatik.

Es kann in diesem Zusammenhang leider auch nicht unerwähnt blieben, daß die vom Präsidenten genannte Besetzungquote von 88 % nicht der TU-Durchschnitt ist, sondern am unteren Rand liegt (betroffen davon sind die Fachbereiche Mathematik, Physik, Chemie, Verfahrenstechnik und Elektrotechnik). Die Besetzungquoten vieler anderer Fachbereiche bewegen sich bei 95 %. Neben dem FB Informatik sind auch der FB Wirtschaftswissenschaften und der Studiengang Psychologie mit einer Besetzungsquote von 100 % und mehr ausgestattet. Vergleicht man die auf Grund dieser Besetzungsquoten bestehenden Ausbildungskapazitäten der Fachbereiche mit den Studierendenzahlen, kommt man auf erhebliche Ausstattungsunterschiede. Während der FB Informatik weit mehr Studierende als Ressourcen hat, haben andere Fachbereiche ein Kapazitätspolster.

Diese Verwerfungen benachteiligen die Informatik nicht nur in der aktuellen Situation, sondern auch mittelfristig im System der leistungsbezogenen Mittelverteilung an der TU. Fachbereiche mit nicht ausgelasteten Kapazitäten in der Lehre können sich mit den gewonnenen Ressourcen stärker der Forschung widmen und Leistungspunkte für die nächste Verteilung sammeln. Viele Wissenschaftler am FB Informatik hingegen werden gegenwärtig mit Lehraufgaben so in Anspruch genommen, daß die Forschungstätigkeit darunter leidet oder zum Erliegen kommt.

Der Fachbereich Informatik erwartet daher vom Präsidenten und den zentralen Gremien der TU als Beitrag zur Abwendung eines NC eine angemessene Verstärkung der Personalmittel im WM und Tutorenbereich über den Strukturplan hinaus, zusätzliche Investitionsmittel sowie konsumptive Sachmittel.

3. Die entscheidende Unterstützung muß allerdings durch zusätzliche Mittel des Landes kommen. Die Senatsverwaltung macht es sich zu einfach, wenn sie auf die bestehenden Hochschulverträge verweist und die Lösung des Problems allein in der Umverteilung der Mittel innerhalb der Universitäten sieht. Sie muß zur Kenntnis nehmen, daß die TU durch die Kürzung der Zuschüsse an den Rand des Existenzminimums einer Technischen Universität gedrängt wurde. Ein bedarfsgerechter Ausbau der Informatik erfordert ein gezieltes Sonderprogramm, das zusätzliche Mittel in die Hochschulen einbringt. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an das Hochschulsonderprogramm für die Berliner Informatik, das 1985 zur Abwendung eines NC gestartet und später durch ein Bund-Länder Programm abgelöst wurde. Das Auslaufen dieser Programme nach einigen Jahren wurde von Fachvertretern und Wirtschaft schon damals als kurzsichtige Fehlplanung bezeichnet. Diese Einschätzung erfährt gerade in diesen Tagen ihre drastische Bestätigung.

Der Fachbereich Informatik könnte ein Offenhalten der Informatik vertreten, wenn die Zahl der Studienplätze in der Informatik um 100 und in der Technischen Informatik um 50 ausgebaut würde. Die hierfür erforderlichen Mittel für die Beschäftigung von ca. 50 WM, für zusätzliche Tutoren und für Investitionen belaufen sich auf 6,5 Millionen DM pro Jahr. Die FU-Informatik schätzt ihren Mehrbedarf auf 3,5 Millionen DM pro Jahr und der Bedarf der HUB dürfte zwischen diesen Beträgen liegen. Der Gesamtbedarf für einen Kapazitätsausbau der Berliner Informatik im Universitätsbereich liegt bei 15 Millionen DM zusätzlicher Mittel für die Universitäten. Daneben müßten die Fachhochschulen durch Mittelverstärkungen in die Lage versetzt werden, ihre Zulassungsbeschränkungen aufzuheben, damit die Universitäten nicht noch zusätzlich durch abgewiesene Fachhochschulbewerber belastet werden.

Aus anderen Bundesländern berichten Kollegen über Anstrengungen der Politik, die Kapazitäten auszubauen. Der Bayerische Kultusminister stellt den Universitäten und Fachhochschulen 30 Millionen DM für den Kapazitätsausbau in der Informatik zusätzlich zur Verfügung. Aus Sachsen ist zu hören, daß die Kapazität der Dresdener Informatik beträchtlich erweitert werden soll, so daß zum nächsten Wintersemester 800 Zulassungen möglich sind.

Berlin sollte dafür Sorge tragen, nicht den Anschluß an diese Entwicklung zu verpassen. Die starke Stellung der Berliner Informatik in früheren Jahren hat entscheidend dazu beigetragen, daß Berlin ein wichtiger Standort für zukunftsträchtige Technologiefirmen wurde. Dieser Vorteil könnte durch eine kurzsichtige Politik schnell verspielt werden.

*

Bemerkung von BerliNews:
Vor diesem Hintergrund ist unbegreiflich, warum von Seiten der Berliner Wirtschaftspolitik nicht stärker Druck auf die unbewegliche Berliner Wissenschaftspolitik ausgeübt wird. Die Aktivitäten des April bezogen sich nur auf die Green-Card-Debatte (Tauziehen mit dem Innensenator).
Genauso wichtig ist das, was die IHK im März anmahnte: "Beim Thema IT-Fachkräfteengpaß geht es nicht nur um die Sofortlösung. Auf mittlere und auf lange Sicht ist es unerläßlich, die Kapazitäten der berufsbildenden Einrichtungen, Universitäten und Fachhochschulen zu erweitern und das Potential an qualifizierten jungen Menschen systematisch – vom Schulbeginn bis zum Ende der Ausbildung – zu erschließen. " (Quelle) - Was tut der Senat, damit diese Erweiterung zustande kommt?


Wie in anderen Bundesländern wissenschaftspolitisch mit dem Problem IT-Fachkräftemangel umgegangen wird:

PM StK BaWü, 18.04.2000
Ministerpräsident Erwin Teufel: Fachkräftemangel durch Ausweitung der Studien- und Ausbildungsplätze begegnen

PM StK BaWü, 20.04.2000
Ministerpräsident Erwin Teufel: Neue Studienplätze für Informations- und Kommunikationsberufe an Berufsakademien

PM Wis.Min. Hessen
LANDESREGIERUNG BESCHLIEßT SONDERPROGRAMM FÜR INFORMATIKSTUDIENGÄNGE
Wissenschaftsministerin Ruth Wagner: Hessens Hochschulen erhalten mehr als 25 Millionen Mark

PM Wis.Min. Hessen
WISSENSCHAFTSMINISTERIN RUTH WAGNER: NC IN INFORMATIK WÄRE FALSCHES SIGNAL
(FH Darmstadt)

PM Wiss.Min. Sachsen, 21.3.2000
Wissenschaftsminister zum Informatikerbedarf: Hochschulen werden den Anforderungen gerecht

PM Wiss.Min. NRW, Düsseldorf, 19.04.2000
Neuer interdisziplinärer Studienschwerpunkt 'E-Commerce' an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg
Behler: Das Aus- und Weiterbildungsangebot für IT-Fachkräfte wird weiter ausgebaut

PM Wiss.Min. NRW, Düsseldorf, 10.04.2000
Bildungsministerin Behler: KMK soll zu schnellen Lösungen kommen
Informatik und Technik sollen aufgewertet werden

PM Wiss.Min. NRW, Düsseldorf, 7.04.2000
Tagung "Virtueller Hochschulraum NRW" in Dortmund eröffnet
Behler: Land hat für Ausbau des Multimedia-Angebotes 95 Millionen Mark bereitgestellt

PM Wiss.Min. Sachsen-Anhalt, 30.03.2000
Bessere Arbeitsbedingungen für den Fachbereich Informatik der Hochschule Anhalt (FH), Hochschule für angewandte Wissenschaften

Thüringer IT Initiative


Hier weitere Materialien und Statements:

BerliNews, 31. 3. 2000
Berlins Informatik vor dem Numerus Clausus
Mit 15 Millionen DM könnte die Blamage abgewendet werden

BerliNews, 25. 2. 2000
Globalisierung braucht Ausländer
Wie kann die Berliner IuK-Branche ihren Personal-Engpaß überwinden?

BerliNews, 9. 3. 2000
"Sonderprogramm Informatik" der FU
Erklärung von FU-Präsident Gaehtgens zur Ausbildungskapazität in der Informatik

Auf einen Studienplatz kommen drei Erstsemester
Interview mit Prof. Elfriede Fehr, Dekanin des Fachbereichs Mathematik und Informatik der Freien Universität Berlin

mecomp.net: medien kompetenz netz
Transparenz und Vernetzung der Medienberufe in Berlin

Informatik in Berlin und Brandenburg

Schreiben Sie BerliNews, was Ihrer Meinung passieren muß und schon geschieht, um den drohenden Informatik-NC an den Berliner abzuwenden!

IP-5073

Autor: Manfred Ronzheimer


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