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19. Juni 2000 Wissenschaftspolitik
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Forschungsbetrug durchleuchtet

Abschlußbericht der Task Force zum Fall des Krebsforschers Friedhelm Herrmann

PE DFG Nr. 26 19. Juni 2000

In mehr als zweijähriger Arbeit hat eine Untersuchungskommission unter Leitung des Würzburger Zellbiologen Professor Ulf R. Rapp im Auftrag der Gemeinsamen Kommission zur Aufklärung der Vorwürfe wissenschaftlicher Fälschungen insgesamt 347 Veröffentlichungen des zuletzt an der Universität Ulm tätigen Krebsforschers Friedhelm Herrmann untersucht. Die Task Force F. H. genannte Untersuchungskommission kommt in ihrem jetzt vorgelegten Abschlußbericht zu dem Ergebnis, dass in insgesamt 94 Veröffentlichungen, bei denen Friedhelm Herrmann Co-Autor ist, konkrete Hinweise auf Datenmanipulationen zu finden sind. Die Hinweise auf Datenmanipulationen und wissenschaftliches Fehlverhalten ergaben sich vorrangig aus der Analyse der Abbildungen der Publikationen. Bei 132 Publikationen haben die Untersuchungen zur Entlastung geführt.

Unstimmigkeiten auch im Umfeld

Eine weitere Aufgabe der Task Force war die Beurteilung der wissenschaftlichen Arbeit einiger Co-Autoren. Zu diesem Zweck wurden auch von Friedhelm Herrmann unabhängige Arbeiten seiner häufigsten Mitautoren - Roland Mertelsmann, Albrecht Lindemann, Marion Brach und Wolfgang Oster - einer Sichtung unterzogen. Bei einigen Habilitationsarbeiten (Lindemann, Brach, Oster) ergaben sich Hinweise auf Unregelmäßigkeiten. Bei der Untersuchung einer in der Klinik des Freiburger Mediziners Professor Roland Mertelsmann entstandenen Arbeit ergaben sich Unstimmigkeiten und Hinweise auf einen Umgang mit Daten außerhalb der lex artis. Die über diese Publikation hinausgehenden Untersuchungen sind allerdings noch nicht abgeschlossen, so dass mit Ergebnissen frühestens im Herbst des Jahres zu rechnen sein wird.

Zur Vorgeschichte: Im Frühsommer des Jahres 1997 verdichteten sich Vorwürfe wissenschaftlichen Fehlverhaltens gegen die Professoren Marion Brach (Lübeck) und Friedhelm Herrmann (Ulm), die über lange Strecken ihrer wissenschaftlichen Laufbahn an den Universitäten Mainz, Freiburg, am Max-Delbrück-Centrum Berlin sowie in Ulm zusammengearbeitet hatten. 1996 wurde Marion Brach an die Universität Lübeck berufen. Eine Gemeinsame Kommission zur Aufklärung der Vorwürfe wissenschaftlicher Fälschungen unter der Leitung des Freiburger Mediziners Professor Wolfgang Gerok, die zunächst von den Universitäten bzw. Medizinischen Fakultäten in Lübeck, Ulm und Berlin und später von denen in Freiburg und Mainz, den früheren Arbeitsorten der Beschuldigten, gebildet wurde, kam nach ersten Untersuchungen zu dem Schluss, dass die Professoren Herrmann und Brach über einen langen Zeitraum, mindestens von 1988 bis 1996, in ihren wissenschaftlichen Arbeiten Ergebnisse und Aussagen in erheblichem Umfang gefälscht haben. Vor diesem Hintergrund wurde eine weitere gründliche Analyse des Publikationswerkes von Friedhelm Herrmann und seines Umfeldes durch Nachfolgeuntersuchungen für nötig erachtet. Mit dieser Aufgabe wurde die Task Force F. H. unter Leitung von Professor Ulf R. Rapp in Würzburg beauftragt. Die Finanzierung der Task Force übernahmen die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Dr. Mildred-Scheel-Stiftung - Deutsche Krebshilfe.

Eine Grundlage für die Festlegung der zu untersuchenden Publikationen waren die Suchergebnisse für Friedhelm Herrmann, Marion Brach, Roland Mertelsmann, Wolfgang Oster und Albrecht Lindemann in der Literaturdatenbank medline und eine Autorenbefragung. Im Vordergrund der Untersuchungen stand die Analyse der Abbildungen. Ein Vergleich der publizierten Daten mit den Originalunterlagen war nur in wenigen Fällen möglich. Die Task Force kam zu dem Ergebnis, dass die 347 analysierten Herrmannschen Veröffentlichungen in vier Kategorien eingeteilt werden können:

Kategorie A: Publikationen, die aufgrund der Untersuchung von einem bestehenden Anfangsverdacht befreit werden konnten (132 Publikationen)
Kategorie B: Publikationen, die von dem Anfangsverdacht nicht befreit werden konnten, zu denen aber darüber hinaus keine handfesten Hinweise auf Datenmanipulation gefunden wurden (121 Publikationen)
Kategorie C: Publikationen, bei denen Hinweise auf Datenmanipulation gefunden wurden, wodurch konkreter Verdacht auf Fälschungen besteht (65 Publikationen)
Kategorie D: Publikationen, bei denen Hinweise auf Datenmanipulation gefunden wurden, die diese als fälschungsbehaftet identifizieren (29 Publikationen).

Die Task Force weist darauf hin, dass die Übergänge zwischen den einzelnen Kategorien teilweise fließend seien.

Darüber hinaus ist festzuhalten, dass die Beiträge der Mitautoren höchst unterschiedlich sind: Mitautor sogar einer Publikation der Kategorie D zu sein heißt nicht, dass Mitautoren an Manipulationen beteiligt waren oder auch nur davon gewußt haben müssen.

Friedhelm Herrmann war auf dem Gebiet Hämatologie/Onkologie tätig. Seine Beschäftigung mit den Zellen des Blutes, meist im Zusammenhang mit Krebserkrankungen, gliederte sich vor allem in zwei auch thematisch voneinander abgrenzbare Phasen. In den Jahren von 1981 bis 1984 erschienen Arbeiten, die sich vorwiegend mit der Charakterisierung von leukämischen Zellen hinsichtlich der Oberflächenmarker befassen. In den Arbeiten seit 1986 wurden dann Cytokine, ihre Funktion in gesunden und kranken Zellen und der klinische Einsatz in der Krebstherapie zum beherrschenden Thema. In den letzten Jahren verbreiterten sich die Inhalte seiner Publikationen, wobei insbesondere Ansätze zur Entwicklung der Gentherapie in den Vordergrund rückten. In den frühen experimentellen Publikationen fehlen nach Erkenntnissen der Task Force noch völlig die molekularbiologischen Methoden, die in späteren Arbeiten die Quelle für den Nachweis von Fälschungen darstellen. Die fälschungsbehafteten oder konkret fälschungsverdächtigen Publikationen entstanden in der Zeit in Mainz, Freiburg, Berlin und Ulm. Die Arbeiten von Roland Mertelsmann, Marion Brach, Albrecht Lindemann und Wolfgang Oster wurden deshalb genauer untersucht, weil sie am häufigsten als Co-Autoren von Friedhelm Herrmann publiziert haben.

Der Abschlußbericht der Task Force F. H. ist jetzt an die Universitäten Freiburg, Ulm, Mainz, Tübingen und Lübeck sowie das Max-Delbrück-Centrum Berlin versandt worden, ebenso an die zuständigen Wissenschaftsministerien der Länder.

Nähere Informationen:
Professor Dr. Wolfgang Gerok, Vorsitzender der Gemeinsamen Kommission, Horbenerstraße 25, 79100 Freiburg,

Professor Dr. Ulf R. Rapp, Institut für Medizinische Strahlenkunde und Zellforschung der Universität Würzburg, Versbacher Straße 5, 97078 Würzburg, Tel.: 0931/201 5140, Fax: 0931/201 3835

Pressereferat der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Kennedyallee 40, 53175 Bonn, Tel.: 0228 / 885 2250, Fax: 0228 / 885 2180, E-Mail: em.streier@dfg.de


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Empfehlungen der Kommission "Selbstkontrolle in der Wissenschaft" der DFG

TASK FORCE F.H.
zur Aufklärung von Fälschungsvorwürfen bei wissenschaftlichen Publikationen

Gefördert durch die DFG und die Dr. Mildred Scheel Stiftung.
Koordinator: Prof. Dr. med. Ulf R. Rapp

Kontakt:
Task Force, MSZ, Versbacher Str. 5, 97078 Würzburg
Fax: 0931/2013815 , Tel.: 0931/2013829 , E-mail: task.force@mail.uni-wuerzburg.de

Hier sind Links zu einigen Artikeln aus den Medien zum Fall Herrmann/Brach

BM Mittwoch, 16. Juni 1999:
Betrugsanklage gegen ehemalige Krebsforscher

BM Montag, 7. Juni 1999:
Vieles ist nicht, wie es sein sollte: Kleine Geschichte der Fälschungen

BLZ, Ausgabe vom 28. Mai 1997
Anatomie einer Fälschung
Gegenüber der Berliner Zeitung enthüllt ein Insider, wie es zum größten Forschungsskandal in Deutschland kam, Von Lilo Berg

Verfahren bei Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten
VERFAHRENSORDNUNG
- beschlossen vom Senat der Max-Planck-Gesellschaft am 14. November 1997 -

Office of Research Integrity (ORI)

Krebsforschung bei Prof. Herrmann
Im Frühjahr 1997 wurde ein schwerer Fall von Betrügereien in der Forschung bekannt. Die Professoren Friedhelm Herrmann und seine frühere Lebensgefährtin Marion Brach hatten für ihre Veröffentlichungen Daten frei erfunden.
Gute Darstellung mit vielen Medienlinks
Weitere Fälle sind hier dokumentiert:
Verschiedene Betrugsfälle
Im Laufe der Jahre sind mehrere Betrugsfälle ans Licht gekommen, zeitweise hatten sie sogar Berühmtheit erlangt. Leider werden diese Fälle ebenso schnell wieder vergessen, sodaß ein neuer Fall gewöhnlich als Einzelfall hingestellt wird. Aus der folgenden Zusammenstellung soll daher auch die lange Tradition deutlich werden.
Titelseite: Forschung und Betrug
Inhaltsübersicht

BerliNews, 1. 12. 98
Eisberg in Sicht?
Symposium über „Fälschung in der Wissenschaft“ gibt Entwarnung

BerliNews, 27. 8 97
Interview mit MDC-Chef Ganten zum Fälschungsskandal in der Krebsforschung (262)

HeN-343

Autor: Manfred Ronzheimer


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