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6. Oktober 2000 Hochschulpolitik
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Von Bologna nach Prag

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn

anlässlich der Eröffnung der HRK-Konferenz
"From Bologna to Prague - Reform of Study Programmes and Structures in Germany"

am 6.10.2000 in Berlin

Ich freue mich, dass Sie der Einladung nach Berlin zu dieser internationalen Konferenz zur europaeischen Hochschulzusammenarbeit gefolgt sind. Das unterstreicht noch einmal die Bedeutung, die Bildung und Forschung fuer das Zusammenwachsen in Europa haben.

Mit der Vertiefung und der Erweiterung der Europaeischen Union wird sich die wirtschaftliche, soziale und politische Dynamik in Europa noch weiter erhoehen. Europa braucht dafuer Richtung und Orientierung. Unsere Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen muessen auf diese Entwicklungen vorbereitet sein. Bildung und Forschung werden maßgeblich darueber entscheiden, wie unsere Zukunft morgen aussehen wird. Sie sind der Schluessel zu einer sozial gerechten, wirtschaftlich erfolgreichen und kulturell vielfaeltigen Zukunftsgesellschaft.

Politik, Wissenschaft und Wirtschaft - wir alle! - muessen diese Entwicklung deshalb aktiv mit-gestalten und den Mut haben, dabei auch neue Wege zu gehen. Nur dann koennen wir die Chancen die mit dem Wandel von der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft verbunden sind, auch wirklich nutzen.

Schon heute weist die Bildungszusammenarbeit in Europa immer staerker ueber die vom Amsterdamer Vertrag gesteckten Grenzen hinaus. Initiativen wie die Erklaerung der europaeischen Bildungsminister von Bologna, die mit der Sorbonne-Initiative begann, sind Meilensteine auf dem Weg zu einem europaeischen Hochschulraum. Die Anpassung von Studienstrukturen, die gemeinsame Entwicklung von Curricula und endlich Verbesserungen bei der Anerkennungspraxis von Studienabschluessen sind wichtige Schritte dahin.

Die Konferenz heute hat das Ziel, den Bologna-Prozess sichtbar zu machen, ihn zu unterstuetzen und aktiv daran mitzuwirken. Wichtig ist: Der europaeische Hochschulraum muss noch staerker an Kontur gewinnen. Und dies nicht nur in Europa: Er muss in der ganzen Welt wahrnehmbar sein.

Wir befinden uns auf der Mitte des Weges von der Bologna-Konferenz im Juni 1999 zu der kommenden Ministerkonferenz in Prag im Mai naechsten Jahres. Es geht heute um einen direkten Meinungs- und Erfahrungsaustausch mit unseren europaeischen Nachbarn. Wir wollen ueber unsere Fortschritte in der internationalen Hochschulpolitik berichten, und wir moechten von Ihren Erfahrungen lernen.

Bevor ich naeher darauf eingehe, moechte ich aber aus gegebenem Anlass noch einige Worte vor allem an unsere auslaendischen Gaeste richten:
In den letzten Monaten haben Rechtsradikalismus und auslaenderfeindliche UEbergriffe nicht nur die deutsche OEffentlichkeit beschaeftigt, sondern gerade auch im Ausland schlechte Erinnerungen geweckt. Fuer mich, die ich der Nachkriegsgeneration angehoere, ist es unfassbar, zu sehen, dass - meist junge - Deutsche wieder Nazi-Parolen bruellen und auslaendische Gaeste und Mitbuerger beleidigen, verfolgen, verletzen oder sogar toeten. Ich kann und moechte das weder verharmlosen noch verschweigen.

Aber ich moechte Ihnen und allen, die aus dem Ausland zu uns kommen oder schon hier sind, auch sagen: Das sind Vorfaelle, die wir bei uns nicht dulden, sondern mit allen Mitteln des Rechtsstaats bekaempfen. Dabei setzen wir auf das Gewaltmonopol des Staates und wir setzen auf Bildung und Erziehung. Auf Erziehung zu Toleranz und Demokratie.
Ich sage auch ganz klar: Deutschland ist ein weltoffenes und gastfreundliches Land. Deutschland ist ein Land, das will dass Menschen aus dem Ausland hierher kommen, um hier zu leben, zu arbeiten oder zu studieren. Nicht nur Politiker und Politikerinnen auf allen Ebenen, auch die allermeisten Buerger und Buergerinnen bei uns sind tolerant, aufgeschlossen und freundlich eingestellt gegenueber Men-schen aus anderen Laendern, gegenueber Menschen mit anderer Hautfarbe. Sie alle sagen: "Welcome to Germany!"

Europaeische Vorhaben haben fuer die Weiterentwicklung unserer nationalen Bildungssysteme zunehmende Bedeutung. Das gilt umgekehrt aber genauso. Die Bundeslaender und einzelnen Hochschulen in Deutschland sind deshalb aufgerufen, sich noch staerker in diesem Prozess zu engagieren. Wir muessen Innovationen in Europa gemeinsam angehen und die europaeische Dimension der Bildung noch staerker in den Vordergrund stellen. Dazu gehoeren grenzueberschreitende Projekte, der Austausch von Lehrenden und Lernenden und die Internationalisierung des Lehrkoerpers. Je mehr Akteure der Bildungseinrichtungen an dem Prozess der europaeischen Hochschulreformen teilnehmen, desto besser.

Viele innovative Anstoeße in diesem Bereich sind von unseren Hochschulen und Hochschullehrern ausgegangen.
Ich bin deshalb heute gerne hierher gekommen und freue mich auf die Verleihung des Preis fuer "Herausragende Leistungen in der internationalen Hochschulzusammenarbeit".

Der vom BMBF gestiftete Preis wird heute zum zehnten Mal verliehen und hat damit schon Tradition. Wir ehren damit besonderes persoenliches Engagement und beispielhafte Initiative bei der Zusammenarbeit von Hochschulen mit ihren auslaendischen Partnern.

Fuer die Universitaet Konstanz und die Fachhochschule Osnabrueck haben sich Frau Schaefer und Herr Professor Gehmlich in vorbildlicher Weise fuer die internationale Hochschulzusammenarbeit engagiert.

Globalisierung und der UEbergang zur Wissensgesellschaft fuehren dazu, dass unsere "besten Koepfe" weltweit intensiv umworben werden. Wenn wir auch in Zukunft wettbewerbsfaehig sein wollen, muessen wir uns auf dem internationalen Bildungsmarkt positionieren. Das gilt fuer jedes einzelne Land und das gilt auch fuer Europa insgesamt.
Der Bologna-Prozess gibt wichtige Anstoeße dafuer.

Wir muessen vor allem fuer junge Menschen in Europa die Basis fuer eine Qualifizierung und Ausbildung ohne Grenzen schaffen. Wir muessen dafuer sorgen, dass sie die verschiedenen Bildungsangebote in unseren Laendern mit Hilfe der modernen Medien auch nutzen koennen. Und wir muessen endlich die noch verbliebenen Mobilitaetshemmnisse in Europa beseitigen.

Wir haben hier in Deutschland bereits einiges auf diesem Weg erreicht. Wir brauchen aber verstaerkt europaeische Initiativen, um europaweit vergleichbare Mobilitaetsbedingungen zu schaffen. Die OEffnung der Bildungs- und Arbeitsmaerkte stellt uns dabei vor eine doppelte Herausforderung:
Das eine ist die Bewahrung der kulturellen Identitaet der einzelnen Laender. Die Staerke Europas besteht gerade in seiner kulturellen Vielfalt und Unterschiedlichkeit, die auf gemeinsame Fragen verschiedene Antworten und damit die besten Loesungen finden laesst.

Das andere ist die Notwendigkeit, unsere nationalen Bildungssysteme durch entsprechende Angebote auf eine wachsende Zahl von Schuelern, Auszubildenden, Studierenden und Arbeitnehmern aus anderen europaeischen Laendern vorzubereiten. Von diesen Angeboten - wie wir sie z.B. mit den Internationalen Studiengaengen geschaffen haben - werden unsere jungen Menschen genauso profitieren wie ihre europaeischen Freunde.

Die heutige Konferenz ist eine gute Gelegenheit ueber die Fortschritte auf nationaler und europaeischer Ebene in der Hochschulpolitik zu diskutieren und neue gemeinsame Vorhaben zu eroertern. Lassen Sie mich kurz skizzieren, welche wichtigen Schritte wir in Deutschland zur Internationalisierung unserer Hochschulen eingeleitet haben:

* Mit der vierten Novelle des Hochschulrahmengesetzes haben wir die Autonomie unserer Hochschulen erheblich erweitert und so die Grundlage fuer mehr Profilbildung, Differenzierung und Wettbewerb geschaffen. Damit koennen unsere Hochschulen ihre Potenziale jetzt besser nutzen und ihre Staerken ausbauen.

* Der wissenschaftliche Nachwuchs entscheidet darueber, wie unsere Hochschulen - wie unsere Gesellschaft insgesamt - morgen aussehen werden. Wir koennen es uns nicht laenger leisten, dass gute "Koepfe" ins Ausland abwandern, nur weil sie dort bessere Bedingungen vorfinden. Wir brauchen deshalb ein nachwuchsfreundliches Klima statt althergebrachter Wissenschaftshierarchien und Abhaengigkeiten.

Das will ich mit einer umfassenden Reform des oeffentlichen Dienstrechts erreichen. Damit setzt die Bundesregierung auf Leistung und Engagement:

* Mit der Einfuehrung von Junior-Professuren sollen junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen kuenftig bereits mit Anfang 30 - und nicht erst mit durchschnittlich ueber 40 Jahren - die Moeglichkeit erhalten, selbstaendig zu forschen und zu lehren.

* Ein weiterer Kernpunkt der Dienstrechtsreform ist die Einfuehrung von Leistungskriterien bei der Besoldung von Professoren und Professorinnen. Nicht mehr allein das AElterwerden sollen in Zukunft das Gehalt der Hochschullehrer bestimmen sondern ihre Leistungen in Lehre und Forschung.

* Die Programme zur Foerderung neuer internationaler Studiengaenge und die Einfuehrung der neuen Bachelor- und Masterabschluesse sind ein großer Erfolg. Unsere Hochschulen machen davon regen Gebrauch. Waehrend der Hochschulrektorenkonferenz im Februar letzten Jahres nur 110 Studienangebote mit den Abschluessen Bachelor und Master gemeldet worden sind, waren es im Wintersemester 2000/2001 bereits 452 Studienangebote.
Auch das Modellprogramm "Auslandsorientierte Studiengaenge" ist ein wichtiger Beitrag zur OEffnung unserer Hochschulen. Auslaendische Studierende koennen jetzt auch in Deutschland ein Studium in englischer Sprache beginnen ohne das sie vorher ausreichende deutsche Sprachkenntnisse nachweisen muessen.
Das stuermische Wachstum dieser neuen Angebote zeigt, dass an unseren Hochschulen Gestaltungsprozesse angestoßen worden sind, die weit ueber das Angebot der neuen Ab-chluesse hinaus gehen.

* Und mit einer umfassenden Reform der Ausbildungsfoerderung wird die Bundesregierung die Foerderung von Auslandsstudien erheblich ausweiten, um BAfoeG-Empfaenger zu hoeherer Mobilitaet zu motivieren. Nach dem Entwurf, der sich gerade im Gesetzgebungsverfahren befindet, wird ein Studium innerhalb der EU kuenftig nach nur zwei Semestern in Deutschland bis zum Abschluss zu Inlandssaetzen gefoerdert.

* Qualitaetssicherung und Evaluierung sind weitere wichtige Aufgaben unserer Hochschulen. Das Programm "Qualitaet der Lehre" wird dabei durch ein "europaeisches Netzwerk fuer Qualitaetssicherung im Hochschulbereich (ENQA)" ergaenzt, das sich seit Anfang des Jahres konstituiert hat. Alle deutschen Evaluationsagenturen wirken engagiert und aktiv daran mit.

Die entscheidende Zukunftsfrage aber fuer alle die im Ausland studieren wollen, ist die Anerkennung der erreichten Leistungen und Abschluesse.

Es kann doch nicht sein, das sich Kapital und Gueter in Europa frei bewegen koennen waehrend Studierende und Wissenschaftler immer noch komplizierte administrative Verfahren durchlaufen muessen.

Deswegen werden wir unsere An-strengungen bei der gegenseitigen Anerkennung von Bildungsabschluessen verstaerken. Im Hochschulbereich werden wir vor allem das European Credit Transfer System (ECTS) noch weiter ausbauen.

Es reicht nicht aus unsere Bildungseinrichtungen nur zu oeffnen. In einem zunehmend erkennbar werdenden weltweiten Bildungsmarkt muessen unsere Hochschulen und Forschungseinrichtungen auch wahrnehmbar sein.

Vor wenigen Tagen haben deshalb der Bundeskanzler und ich mit fuehrenden Vertretern der Laender, der Wissenschaft und Wirtschaft eine Marketingstrategie fuer den Bildungs- und Forschungsstandort Deutschland vereinbart. Bis Ende naechsten Jahres werden wir ein Handlungskonzept dafuer vorlegen.

* Wir wollen damit mehr Studierende und Wissenschaftler fuer einen Aufenthalt in Deutschland gewinnen und mehr Deutsche fuer ein Studium oder ein Forschungsaufenthalt im Ausland begeistern.
* Wir wollen damit die Praesenz deutscher Bildungs- und Forschungseinrichtungen im Ausland deutlich verbessern.
* Und wir wollen zeigen, dass Deutschland ein gastfreundliches und tolerantes Land ist, ein Land, das fuer auslaendische Gaeste attraktiv ist, die hier lernen, studieren oder forschen wollen.

Mit der heutigen Konferenz koennen wir gemeinsam einen wichtigen und aktiven Beitrag leisten, den begonnenen Bologna-Prozess zuegig fortzufuehren und zu konkretisieren.
Von der Konferenz in Prag im Mai 2001 erwarte ich deshalb nicht unbedingt eine neue "Erklaerung", sondern vor allem einen Plan und konkrete Schritte fuer die Fortsetzung des Bologna-Prozesses.

Ein besonderes deutsches Anliegen wird dabei sein, unsere mittel- und osteuropaeischen Freunde, die noch nicht Mitglied der EU sind, von Anfang an in die europaeische Hochschulzusammenarbeit mit einzubinden. Fuer dieses Ziel steht auch der Tagungsort der kommenden Ministerkonferenz, die alte europaeische Metropole das "goldene" Prag.


BerliNews, 21. 9. 2000
Leistung und Engagement
Bundesministerin Bulmahn legt Konzept für die Dienstrechtsreform an den Hochschulen vor

Berichte zur Hochschulpolitik in BerliNews

HN-528

Autor: Manfred Ronzheimer


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