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2. Februar 2001 Forschungspolitik
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Biomedizinische Meinungsbildung

Rede der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn

anlässlich der Eröffnung des Jahres der Lebenswissenschaften

in Berlin am 1. Februar 2001

Mit dem "Jahr der Lebenswissenschaften" haben wir nun - nach dem Jahr der Physik - schon das zweite Wissenschaftsjahr, in dem jeweils ein Bereich von Wissenschaft und Forschung in der Oeffentlichkeit mit den Menschen breit diskutiert wird. Ueber Hunderttausend Besucher sind im vergangenen Jahr zu den zahlreichen Physikveranstaltungen gekommen. Diesen Erfolg wollen wir im "Jahr der Lebenswissenschaften" nicht nur wiederholen, wir wollen ihn uebertreffen. Wir koennen uns erst zuruecklehnen und zufrieden sein, wenn spannende Forschungsergebnisse in der Oeffentlichkeit mit der gleichen Begeisterung diskutiert werden, wie die Ergebnisse der Fußballbundesliga.

Wir leben in einer Informationsgesellschaft, in der die Menschen immer schneller mit immer mehr Informationen konfrontiert werden. Die Fuelle der Ergebnisse aus der Wissenschaft sind fuer die Menschen im Land oft unuebersichtlich und schwer zu verstehen. So glauben 44 % der Bundesbuerger, normale Tomaten haben keine Gene. 30 % dagegen glauben, wenn sie eine genveraenderte Tomate essen, veraendern sich ihre eigenen Gene. Kein anderes Forschungsfeld bewegt die Menschen emotional, rational und intellektuell derzeit so sehr wie die Lebenswissenschaften. Transplantierte Haende, entschluesselte Gensequenzen und genveraenderte Lebewesen beherrschen ueber Wochen und Monate die Medien.

Genomforschung und Biomedizin bestimmen die Schlagzeilen. Manche fuehlen sich angesichts dieser Vielzahl von Headlines mitten hinein gestellt in einen science fiction Film. Schlagzeilen allerdings veraendern auch die Sicht auf Biomedizin und Genomforschung. Sie loesen Hoffnungen aus, suggerieren Heilsversprechen - dabei gibt es heute vielmehr Fragen, als Antworten. Aufklaerung ist also dringend notwendig.

Wichtiger als die Schlagzeile sind genaue und verstaendliche Information und ihre Bewertung. Im vergangenen Jahr hat eine Studie festgestellt, dass sich in Deutschland 62 % der Menschen "eher schlecht" ueber die Gentechnik informiert fuehlen und nur 1,5 % "sehr gut". Je schneller die Abfolge immer neuer Forschungsresultate, desto wichtiger ist die gruendliche Beschreibung der Ergebnisse und die Kenntnis ihrer Bedeutung fuer die medizinische Versorgung des Menschen.

Denn nur so koennen wir science fiction und wirkliches Leben auseinanderhalten. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Ein gezuechteter menschlicher Klon als persoenlicher Organspender waere ein Thema von Romanautoren, aber er ist kein Thema unserer Forschung.

Denn worum es in der Bio- und Gentechnologie eigentlich geht, ist die großen Chancen zu nutzen und die Risiken abzuwaegen. Dafuer brauchen wir eine ausfuehrliche und engagierte Diskussion. Die reine Information reicht hierfuer nicht aus. Das Gespraech ist erforderlich, der Gedankenaustausch, der Dialog. Hier sind wir alle gefragt diesen Dialog zu fuehren - die Politik, die Wissenschaft und natuerlich auch die Wirtschaft. Zu Beginn dieses Jahrhunderts, das als Jahrhundert der Biowissenschaften gilt, darf keine Kluft zwischen den "Wissenden" und "Nichtwissenden" entstehen.

Aus diesem Grund haben wir genau vor anderthalb Jahren gemeinsam mit allen großen Wissenschaftsorganisationen in Deutschland die Initiative "Wissenschaft im Dialog" gegruendet. Wir stellen jedes Jahr unter ein bestimmtes Thema ueber das wir kontrovers diskutieren wollen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler muessen aus ihrem Elfenbeinturm kommen und die Menschen dort abholen, wo sie sind. Wissenschaft und Forschung muss sich auf dem Marktplatz praesentieren. Die Auseinandersetzungen, die Gespraeche und Diskussionen muessen, und dass ist ganz besonders wichtig, auf gleicher Augenhoehe stattfinden. Die Forscherinnen und Forscher muessen eine verstaendliche Sprache finden, und ihre spannenden Forschungsergebnisse vermitteln koennen. Was wir damals gestartet haben und mit dem Jahr der Physik im letzten Jahr schon ausprobiert haben, war ein großes Experiment von dem ich - das sag ich ganz ehrlich - nicht wusste, ob es wirklich gelingen wird.

Die Erfahrungen aus dem letzten Jahr haben fuer mich zwei ganz erstaunliche Ergebnisse gezeigt. Das eine war, dass sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gerne mitteilen wollen. Im letzten Jahr sind sie ins Kaufhaus gegangen und haben dort ihre Arbeiten vorgestellt. Das haette ich, ehrlich gesagt, wenn mich jemand vorher gefragt haette, nicht fuer moeglich gehalten, und ich finde das wirklich großartig. Das zweite spannende Ergebnis und auch ein großer Erfolg ist, dass es auch eine regelrechte Bewegung von unten gibt. Im Jahr der Physik, und das Gleiche passiert jetzt auch schon in dem Jahr der Lebenswissenschaften, haben sich viele außeruniversitaere Forschungseinrichtungen Hochschulen und Schulen ganz spontan bereit erklaert mitzumachen und eigene Veranstaltungen zu organisieren.

Das Jahr 2000 war fuer die Genomforschung und damit auch fuer die Menschen, denen sie zugute kommen soll, ein großer Erfolg. Die Entschluesselung des menschlichen Erbguts im Juni vergangenen Jahres war ein Meilenstein fuer die Forschung. Sie hat außerdem das oeffentliche Interesse auf die Bio- und Gentechnologie gelenkt.

Der Erfolg vom Juni war zugleich der Beginn eines neuen Forschungskapitels: Nun, nachdem die Struktur des menschlichen Genoms erforscht ist, gilt es, auch die Funktionsweise des Genoms - das heißt den Bauplan des menschlichen Lebens verstehen zu lernen. Erst die genaue Kenntnis beider Dimensionen wird es uns ermoeglichen, die Bekaempfung von Krankheiten nach neuen Methoden ganz gezielt zu betreiben. Die Menschen erhoffen sich diesen Durchbruch bei der Bekaempfung von Krebs, der Immunschwaeche Aids, Diabetes, Alzheimer oder der Creuzfeldt-Jakob-Krankheit.

Die Politik hat die Aufgabe, mit den Menschen in diesem Land die Grundlagen unseres Handelns zu diskutieren und zu formulieren. Einer unserer Grundsaetze ist, dass die Medizin dem Menschen dient und zu dienen hat. Ich weiß, dass manche die Befuerchtung haben, die Biomedizin koenne sich verselbstaendigen. Es koenne sich eine Eigendynamik entwickeln, bei der der Wissensdrang der Forscherinnen und Forscher nicht mehr zu stoppen ist und das Ziel aus den Augen verloren werden koenne.

Diese Aengste und Befuerchtungen nehmen wir ernst. Aber ich sage ganz klar, Wissenschaft lebt nicht in einem rechtsfreien Raum, sie ist an ethische und rechtliche Maßstaebe gebunden, wie sie insbesondere durch die Garantie der Menschenwuerde und das Recht auf Leben in unserer Verfassung vorgegeben sind. Die Bundesregierung sorgt dafuer in Forschung und Gesetzgebung. Wir sorgen auch fuer mehr Transparenz und fuer angemessene Zeitraeume, bevor Entscheidungen getroffen werden.

Zur Zeit wird in Deutschland die Frage diskutiert, wie wir es bei der Forschung mit Stammzellen halten. In Großbritannien gibt es die Entscheidung fuer die Forschung an embryonalen Stammzellen. Wir duerfen uns hier davon nicht unter Druck setzen lassen, sondern die Frage nach Alternativen stellen. Vor diesem Hintergrund haben wir uns entschieden, den Weg in der Forschung mit adulten Stammzellen zu gehen. Diese Methode ist nicht weniger erfolgsversprechend, dafuer aber nicht mit den ethischen Problemen belastet. Die wissenschaftlichen, ethischen und moralischen Fragen in der Bio- und Gentechnologie sind nicht nur auf nationaler Ebene zu klaeren. Wir befinden uns laengst europa- und weltweit in einer Diskussion. Hier muessen wir uns fuer die Entwicklung von internationalen Maßstaeben fuer einen verantwortlichen Umgang bei der Gentechnik und Biomedizin engagieren. Dabei erteilen wir dem Klonen von Menschen und dem Eingriff in die menschlichen Erbanlagen eine klare Absage.

Was wir mit Wissenschaft im Dialog und dem Jahr der Lebenswissenschaften veranstalten, ist keine Akzeptanzkampagne.
Wir wollen, dass moeglichst viele Menschen die Chance haben, sich eine eigene Meinung zu bilden, sich unmittelbar in den Prozess der Meinungsbildung einschalten koennen. Sie sollen dies tun - in großer Zahl und mit moeglichst guten Kenntnissen. Die Lebenswissenschaften veraendern und beeinflussen unser Leben auf vielfaeltige Weise. Dies erfordert auch Entscheidungen, wie und in welchem Rahmen wir die Ergebnisse anwenden wollen. Es gilt Entscheidungen zu treffen, die auf einem breiten gesellschaftlichen Konsens beruhen muessen.

Deshalb moechte ich heute dazu auffordern: nutzen Sie die Gelegenheiten, die Ihnen das "Jahr der Lebenswissenschaft" bietet. Stellen Sie den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Fragen. Lassen Sie nicht locker. Aber lassen Sie sich auch auf die spannenden Fragen der Forschung ein und lassen Sie sich von den Wissenschaften faszinieren. Informieren Sie sich und diskutieren Sie mit.


Homepage: www.lebenswissen.de

Die Welt, 2.2.2001
„Wohin geht der Mensch?“
Prof. Dr. Detlev Gantens Rede zum Auftakt des "Jahres der Lebenswissenschaften"

Die Welt, 2.2.2001
Das „Jahr der Lebenswissenschaften“ beginnt
Bundesforschungsministerin Bulmahn eröffnet Veranstaltungsreihe: Wissenschaft und Öffentlichkeit im Diskurs

Der Tagesspiegel, 2.2.2001
"Wissenschaft im Dialog": Fährtensuche im Gen-Dschungel
Forschungsministerin Edelgard Bulmahn eröffnet das "Jahr der Lebenswissenschaften" im Berliner Gropius-Bau

BerliNews, 1. 2. 2001
"Der Gen-Dschungel"
Auftaktveranstaltung zum Jahr der Lebenswissenschaften

BerliNews, 20. 1. 2001
Wahnsinns-Interesse
„Jahr der Lebenswissenschaften“: Kommunizieren die Forscher am Bürger vorbei?

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BioKiosk: Biotechnologie und Genforschung in der Presse - Dezember 2000
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Autor: Manfred Ronzheimer


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