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”Verehrte An- und Abwesende”
Jürgen Renn über die historischen Verbindungen zwischen Physik und MassenmedienRede zur
Enthüllung einer Gedenktafel am Gebäude des ARD-Hauptstadtstudios Berlin
”Verehrte An- und Abwesende”, mit diesen Worten eröffnete Einstein 1930 die Funk- und Phonoschau in Berlin, in einer Zeit als der Rundfunk und ein unsichtbares Publikum noch nichts Selbstverständliches waren, andererseits aber die Verbindung zwischen Physik und Medien noch so offensichtlich, daß die Festrede zu einer Rundfunkausstellung natürlich von einem Physikprofessor gehalten wurde. Heute bedarf es schon der Zufälligkeit eines Ortes, um eine Verbindung zwischen Medien wie Rundfunk und Fernsehen und der Wissenschaft herzustellen, und die Verbindung selbst ist erklärungsbedürftiger geworden als zu Zeiten Einsteins. Ich will im Folgenden kurz auf drei Verbindungselemente zwischen der modernen Physik und den Kommunikationsmedien eingehen, und zwar Selbstverständlichkeit des Wissens Zunächst zum ersten Punkt: Angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der wir uns der Alltagstechnologien bedienen, gerät leicht in Vergessenheit, in welchem Maße sie auf den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung beruhen. ”Sollen sich auch alle schämen, die gedankenlos sich der Wunder der Wissenschaft und Technik bedienen und nicht mehr davon erfaßt haben, als die Kuh von der Botanik der Pflanzen, die sie mit Wohlbehagen frißt.” Es gehört allerdings auch zum Wesen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, Wissen überflüssig zu machen. Diese sonderbare Eigenschaft beruht u.a. darauf, daß Wissen in Gegenständen verkörpert ist, die nicht nur verwendet werden können ohne dieses Wissen auch noch im Kopf zu haben, sondern auch zu ganz anderen Zwecken als denen, für die sie ursprünglich einmal hergestellt wurden. Man denke etwa an den Personal Computer, der längst überwiegend zu anderen Zwecken als dem Rechnen eingesetzt wird und ohne, daß der Benutzer das in ihm verkörperte Wissen, etwa über Schaltkreise, selbst besitzen müßte. Die ”Zweckentfremdung” im Sinne einer nachträglichen Entdeckung neuer Zwecke ist daher ein wesentliches Merkmal des Fortschritts. Diese Entwicklungsdynamik bringt es allerdings mit sich, daß auch die Bedingungen der Entstehung von Neuem immer wieder und geradezu systematisch in Vergessenheit geraten. Man kann sich in der Tat der Illusion kaum entziehen, das spätere Resultat, etwa eine wissenschaftliche oder technische Errungenschaft, für den ursprünglichen Zweck zu halten, und erwartet demgemäß von der zukünftigen Forschung gleich von vorneherein anwendbare und einträgliche Innovationen hervorzubringen. Vor der Kurzsichtigkeit einer solchen ”Bringschuld”-Erwartung hat bereits Einstein in seinem Vortrag gewarnt: ”Wenn Ihr den Rundfunk höret, so denkt auch daran, wie die Menschen in den Besitz dieses wundersamen Werzeuges der Mitteilung gekommen sind. Der Ursprung aller technischen Errungenschaften ist die göttliche Neugier und der Spieltrieb des bastelnden Forschers und nicht minder die konstruktive Phantasie des technischen Erfinders.” Dieses Lob der reinen Neugier, des Spieltriebs und der Phantasie mag im Zeitalter industrialisierter Forschung, wie sie gerade auch die Physik kennzeichnet, naiv klingen. Dennoch treffen Einsteins Bemerkungen auch heute noch das Wesen von Innovation, die ohne eine solche, nicht vorhersehbare ”Zweckentfremdung” ebensowenig denkbar ist wie ohne die spielerische Freude an reiner Forschung. Aus der Physikgeschichte selbst gibt es für dieses Wesensmerkmal von Innovation kaum ein besseres Beispiel als den Ursprung der Quantentheorie, der so eng mit dem Ort verbunden ist, dessen wir heute gedenken. Als Planck am 14. Dezember 1900 hier seine berühmte Formel für die Energieverteilung von Strahlung im Wärmegleichgewicht vorstellte, war er der festen Überzeugung, damit einen, wenn auch ungewöhnlichen Schlußstein des großartigen und altehrwürdigen Gebäudes der klassischen Physik gefunden zu haben. Die von Planck im physikalischen Kolloquium vorgestellte Arbeit stand am Ende einer langen Kette von experimentellen und theoretischen Forschungen zum Zusammenhang zweier grundlegender Domänen der klassischen Physik, der Strahlungstheorie und der Wärmetheorie. Mit der Wärmestrahlung, diesem Grenzproblem der beiden Domänen, hatten sich bereits andere herausragende Berliner Forscher wie Gustav Kirchhoff und Wilhelm Wien beschäftigt. Neuere Strahlungsmessungen an der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt lieferten die experimentelle Grundlage für den entscheidenden Beitrag Plancks. Er hat allerdings weder geahnt, noch wollte er es lange Zeit akzeptieren, daß gerade der von ihm gefundene, vermeintliche Schlußstein das ganze Gebäude der klassischen Physik bis in seine Fundamente hinein ins Wanken bringen würde und schließlich zum Anlaß für einen Neubau wurde, die Aufstellung der modernen Quantentheorie. Diese Konsequenz der Planck’schen Entdeckung begann erst klar zu werden, als Einstein 1905 die Strahlungsformel Plancks gewissermaßen ”umfunktionierte”, um aus ihr Hinweise für eine Teilchenstruktur des Lichts zu gewinnen. Die von Einstein eingeführten und von Planck lange Zeit abgelehnten Lichtquanten stehen in der Tat im Widerspruch zu einer der Grundannahmen der klassischen Physik, nach der Licht ebenso wie jede andere Strahlung ein kontinuierlicher Prozeß sein sollte. Die Entstehung der modernen Quantentheorie im Sinne der Entdeckung einer Teilchenstruktur der Strahlungsenergie im Vakuum verdankt sich also ebenso sehr Plancks Bemühen, die klassische Physik zu vollenden, wie der ”Zweckentfremdung” seiner Ergebnisse durch Einstein, die diese klassische Physik schließlich revolutionierte. Die Gunst und Gefahren dieses Ortes Nach diesem kurzen Exkurs zur Entwicklungsdynamik von Forschung nun zu meinem zweiten Punkt, der Gunst und den Gefahren dieses Ortes mitten in der Stadt Berlin. Selbstverständlich stand am Anfang das Problem der Alteigentümeransprüche, wie man heute sagen würde, und zwar ausgerechnet von seiten des allmächtigen Militärs. Nachdem diese Ansprüche auf das Gelände der ehemaligen Artilleriewerkstätten geklärt waren, konnte 1873 mit dem Neubau des physikalischen Instituts der Universität begonnen werden. Der Gründungsdirektor, Hermann von Helmholtz, hatte sich gehütet, Gelände mit noch bestehenden Altbauten auch nur in Betracht zu ziehen, aus Sorge, diese könnten dann stillschweigend in den Neubau inkorporiert werden. Er wollte einen wirklichen Neuanfang. Als 1878 das neue Institut bezogen wurde, brachte Helmholtz’ dritter Assistent, von einem Hausdiener unterstützt und vom ersten Assistenten überwacht, die Einrichtung – physikalische Meßapparaturen, Bücher und Vorräte – mit dem Handkarren hierher. Obwohl ich mir den Einzug der ARD in ihr neues Gebäude – und übrigens auch den bevorstehenden Auszug der Physik nach Adlershof – im Einzelnen anders vorstelle, weisen die historischen Umstände dieses Einzugs durchaus Parallelen auf zu der des Jahres 1878. Der Einzug in das neue, 1, 5 Millionen Reichsmark teure Gebäude, das mit modernster Technik ausgestattet war, bedeutete nicht nur eine Entprovinzialisierung der Berliner Physik, die nur wenige Jahre zuvor noch auf das Privatlaboratorium eines ihrer wohlhabenden Vertreter, Helmholtz’ Vorgänger Gustav Magnus, angewiesen war. Der Bezug des neuen Gebäudes bedeutete auch, sich im Machtzentrum der neuen Hauptstadt zu etablieren, nur wenige Jahre nach der Reichsgründung. Von dieser Machtnähe der damaligen Physik zeugt, daß der Gründungsdirektor des Instituts auch ”Reichskanzler der Physik” genannt wurde und in seiner Dienstwohnung, einem villenartigen Anbau an der Westseite des Instituts, ”die auserlesensten Geister der neuen Reichshauptstadt um sich versammelte(.)”, wie es in einer zeitgenössischen Quelle heißt. Es gelang Helmholtz an diesem Ort, aber auch durch seine Vorträge und zahlreichen populären Schriften, für die Physik seiner Zeit eine Öffentlichkeit herzustellen, in der wie von selbst Brücken entstanden zwischen Naturwissenschaft, Technik, Kultur und Politik. Es wäre wohl kühn, zu hoffen, daß die Medien, denen die Berliner Physik diesen Platz im Zentrum der Stadt überläßt, ihr etwas von der Helmholtzschen Öffentlichkeit und kulturellen Einbindung zurückgeben könnten, von der sie sich durch ihren Auszug aus dem Zentrum noch weiter zu entfernen droht. Vielleicht aber können die Nachfolger der Berliner Physik immerhin aus ihrer Geschichte etwas über die Ambivalenz eines so zentralen und machtnahen Ortes lernen. Diese Ambivalenz machte sich zunächst als technisches Problem bemerkbar. Die hier gegen Ende des Jahrhunderts arbeitenden Physiker gerieten angesichts der Lage des Instituts im Zentrum der Großstadt Berlin noch ins Schwärmen. Das neue Institut zog z.B. Heinrich Hertz nach Berlin, der hier seine Studien unter Helmholtz aufnahm und, begeistert über seine Arbeitsbedingungen, mit Experimenten zur Trägheit der Elektrizität begann. Ein Jahrzehnt später allerdings verschloß sich Hertz einem Ruf aus Berlin und zog ausgerechnet die Provinzstadt Bonn vor. In einem Brief an seinen Schüler tröstet sich Helmholtz mit Gründen, die auch heutigen Berliner Physikern angesichts ihres bevorstehenden Auszugs aus dem Zentrum tröstlich klingen mögen: “Es tut mir persönlich leid, daß Sie nicht nach Berlin kommen wollen, aber wie ich Ihnen schon früher sagte, ich glaube allerdings, daß Sie in Ihrem eigenen Interesse ganz richtig handeln, wenn Sie Bonn zunächst vorziehen. Wer noch viel wissenschaftliche Aufgaben vor sich sieht, die er angreifen möchte, bleibt den großen Städten besser fern. Am Ende des Lebens, wenn es mehr darauf ankommt, den errungenen Standpunkt für die Heranziehung der neuen Generation und für die Staatsverwaltung zu verwerten, ist es anders.” Man mag diese idyllischen Vorstellungen über das wissenschaftliche Landleben nicht ganz ernst nehmen, dennoch sollten Helmholtz‘s Bedenken nur einige Jahrzehnte später eine unerwartete, konkrete Dimension bekommen. Der gleiche Standort, der im ausgehenden 19. Jahrhunderts noch Begeisterung auslöste, war zu Beginn unseres Jahrhunderts bereits Anlaß für Verzweiflung und möglicherweise sogar am Selbstmord des Institutsdirektors Paul Drude im Jahre 1906 mitschuldig. ”Der Grund hierfür, welchen in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts niemand voraussehen konnte, liegt in den ungeheuren magnetischen Störungen, welche durch die veränderliche Intensität der das Institut umfließenden Ströme hervorgebracht werden. In feuchtem, gut leitendem Erdreich an der Spree gelegen, gegenüber der großen Zentrale der Berliner Elektrizitätswerke am Schiffbauerdamm, von zwei Seiten durch Straßen begrenzt, in welchen ununterbrochen elektrische Bahnen verkehren, die mit überlasteten Motoren die Steigung bis zu der 30m entfernten Haltestelle auf der Marschallbrücke nehmen, ist das Berliner physikalische Institut wohl heute dasjenige, in welchem die lokalen, magnetischen Störungen die größten Werte aufweisen.” Die Berliner Physik überläßt der ARD also einen auch in elektrodynamischer Hinsicht zentralen Ort. Vielleicht hätte Heinrich Hertz diesen Brennpunkt des Geschehens doch nicht verlassen sollen. Er hätte dann wohl für seinen Nachweis elektromagnetischer Wellen solche elektromagnetischen Störungen nicht erst als Funkenstrecke mühsam und in kleinem Maßstab von Hand erzeugen müssen. Vielleicht haben die Schwierigkeiten, hier im Zentrum experimentell zu arbeiten, auch dazu beigetragen, die Berliner Physiker zu theoretischen Höchstleistungen anzuspornen. Mit der Geschichte der Berliner Physik ist jedenfalls die Geschichte der modernen theoretischen Physik eng verbunden, beginnend mit der Generation von Gustav Kirchhoff, der 1875 als einer der ersten ordentlichen Professoren für theoretische Physik in Deutschland nach Berlin kam und eng mit Helmholtz zusammenwirkte. Daß hier auf allen Gebieten der Physik herausragende Arbeiten, darunter auch experimentelle Beiträge entstehen konnten, verdankte das Institut nicht zuletzt seiner Einbeziehung in das dichte Netzwerk Berliner Wissenschaftsinstitutionen, von der Physikalisch-Technischen Reichstanstalt, über die Institute der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft bis zur Akademie. Auch die Physikalische Gesellschaft hatte hier ihr Geschäftszimmer und ihren Treffpunkt. Mit dem Institut und seinem berühmten physikalischen Kolloquium verbindet sich eine bis zum Beginn der NS-Herrschaft ununterbrochene Kette berühmter Namen, zu denen u.a. die von Wilhelm Wien, Max Planck, Peter Pringsheim, Walther Nernst, Max von Laue, Albert Einstein, Gustav Hertz, James Franck, Erwin Schrödinger, und Arthur Wehnelt gehören. Auf einer Gedenktafel lassen sich selbst die Verdienste der wenigen, die genannt werden, kaum angemessen würdigen, geschweige denn die derer, für die der geschichtliche Augenblick nicht so günstig war, z.B. weil sie als Frauen keine vergleichbare Chance hatten, hier ihr Talent zu entfalten oder weil sie als Juden zu früh gehen mußten, um hier noch einen Durchbruch zu schaffen. Angesichts der glorreichen Vergangenheit des Berliner Instituts, der die Gedenktafel gewidmet ist, sollte auch nicht vergessen werden, daß seiner Zerstörung als Folge der Kampfhandlungen um das Berliner Regierungsviertel in den letzten Kriegswochen 1945 ein Prozeß der Selbstzerstörung voranging. Während Einstein, Franck, Pringsheim und andere mit Beginn des NS-Regimes emigrieren mußten, und viele andere Wissenschaftler verfolgt und ermordet wurden, ohne daß die wissenschaftlichen Institutionen, denen sie zum Teil jahrzehntelang gedient hatten, ihre Stimme für sie erhoben, sahen Physiker wie Stark, Lenard oder Wehnelt die Chance für einen Karrieresprung und Machtgewinn gekommen. Wiederum andere, wie z.B. Max Planck, glaubten, durch Mitmachen Schlimmeres verhüten zu können, und trugen gerade so zum Schlimmen bei. Für die vage Hoffnung, das neue Regime am Ende doch für eine Bewahrung und Förderung guter Wissenschaft zu gewinnen, nahmen sie als Preis selbst die Vertreibungen und Verfolgungen ihrer wissenschaftlichen Kollegen in Kauf und blieben in ihren Ämtern, soweit man sie ließ. Die so weitermachten, hatten nicht gelernt, sich jene Distanz zur Macht zu bewahren, die eine essentielle Voraussetzung ist für die Arbeit ihrer Nachfolger an diesem machtnahen Ort. Fortschrittsoptimismus Ich komme abschließend zu meinem dritten Punkt: Wissenschaft und Medien verbindet mehr als dieser Ort, an dem sie sich zufällig treffen und auch mehr als das technisches Wissen, für das die eine die Grundlagen liefert, und das die anderen verwenden. Moderne Wissenschaft und Medien sind darüberhinaus seit ihren Anfängen gemeinsamen Wertvorstellungen verpflichtet, für deren Realisierung sie, so möchte ich behaupten, heute mehr als in der Vergangenheit auch aufeinander angewiesen sind. Einstein zeigte sich in seiner schon zitierten Rede überzeugt, daß die Wissenschaft und ihre technischen Konsequenzen, wie insbesondere der Rundfunk, geradezu zwangsläufig als Instrumente des gesellschaftlichen Fortschritts wirken würden: ”Was speziell den Rundfunk anlangt, so hat er eine einzigartige Funktion zu erfüllen im Sinne der Völkerversöhnung. Bis auf unsere Tage lernten die Völker einander fast ausschließlich durch den verzerrenden Spiegel der eigenen Tagespresse kennen. Der Rundfunk zeigt sie einander in lebendigster Form und in der Hauptsache von der liebenswürdigsten Seite. Er wird so dazu beitragen, das Gefühl gegenseitiger Fremdheit auszutilgen, das so leicht in Mißtrauen und Feindseligkeit umschlägt.” Noch eindringlicher hatte es der Direktor der Telefunken-Gesellschaft, Graf Arco, in einem Artikel aus dem Jahre 1924 ausgedrückt: ”Der Rundfunksender ist der Tod mittelalterlicher Intrigen und der verzopften Diplomatie. Der Rundfunksender ist der zukünftige Sprecher der öffentlichen Meinung, nicht nur der Europas, sondern überall in der ganzen Welt. ... Radio wird als Ferment das kommende Europa beschleunigen. Radio ist unsere größte Hoffnung in einem Zeitpunkt, wo das alte Europa und mit ihm Menschlichkeit und Kulturgüter am Rande des Unterganges stehen. Möge die elektrische Welle des Rundfunks uns die Rettung bringen.” Diese Worte klingen in unseren heutigen Ohren zugleich befremdlich und auch wiederum vertraut. Nicht zuletzt angesichts der Indienstnahme des Rundfunks durch die NS-Diktatur nur wenige Jahre nach Einsteins Ansprache fällt es schwer, mit Rundfunk und Fernsehen solche blauäugigen Zukunftshoffnungen zu verbinden. Chiliastische Hoffnungen heften sich heute eher an neue Medien wie das Internet. Der Blick auf die historischen Vorläufer eines solchen Fortschrittsoptimismus’ hilft, wie ein Verfremdungseffekt, die Naivität des dahinter stehenden, noch heute verbreiteten Wissenschaftsverständnisses aufzudecken. Einstein und Graf Arco präsentieren Wissenschaft und Technik als im wesentlichen außerhalb der Gesellschaft und unabhängig von ihren Bedingungen funktionierende Motoren des Fortschritts. Insbesondere liefern Wissenschaft und Technik nach diesem Verständnis zwar Voraussetzungen für die Herstellung von Öffentlichkeit, bedürfen aber ihrerseits dieser Öffentlichkeit nicht, sondern sind offenbar eine Angelegenheit, die Experten unter sich regeln. Obwohl dieses Bild autonomer Wissenschaft längst von der Wirklichkeit überholt ist und Richtungsentscheidungen über den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt - etwa im Bereich der Kernphysik - heute zum politischen Alltag gehören, dominiert dieses Bild nach wie vor in der Öffentlichkeit und stellt sie vor die fatale Alternative zwischen technokratischem Fortschrittsglauben und irrationaler Wissenschaftsfeindlichkeit. Diese Aufgabe haben die Medien bisher nur unzureichend bewältigt: die Wissenschaft in ihren historischen und kulturellen Kontexten, in ihren politischen und ökonomischen Abhängigkeiten, aber auch in ihrer faszinierenden Zukunftsoffenheit verständlicher zu machen. Wie Politik in einem demokratischen Staat bedarf heute auch die Wissenschaft sowohl der engagierten Unterstützung durch die Medien als auch ihres kritischen Blicks. Vielleicht könnte es ihnen ja gelingen, deutlich zu machen, daß Wissenschaftsbegeisterung und ein nachdenklicher Umgang mit ihren Möglichkeiten keine sich ausschließenden Alternativen sind. Aber dazu müßten sie der Wissenschaft erst einmal mehr Raum und Zeit in ihren Programmen gewähren. Wenn die Gedenktafel unsere heutigen Gastgeber in Zukunft auch an diese Verantwortung erinnert, dann hat sie ihre Funktion bereits erfüllt. Prof. Dr. Jürgen Renn ist Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin Beachten Sie auch diese Seite:
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Die Welt, 20. Februar 1999 - Literarische Welt
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