| Vorläufer globalen Denkens
Grußwort von Bundespräsident Roman Herzog
zur Ausstellungseröffnung "Alexander von Humboldt - Netzwerke des Wissens"
am 5. Juni 1999 im Haus der Kulturen der Welt, Berlin
 Ich will in meiner kurzen Begrüßung den nach mir folgenden Humboldt-Gelehrten nicht den
Rang ablaufen. Deshalb möchte ich Ihnen jetzt eigentlich lieber berichten, warum ich mich überhaupt darauf eingelassen habe, diese Ausstellung heute zu eröffnen: Auf meinen Lateinamerikareisen fiel mir das merkwürdige Phänomen auf, daß ein genialer Deutscher, der in seiner Heimat schon fast in Vergessenheit geraten ist, im Ausland nach zweihundert Jahren noch hoch verehrt wird. Und ich frage mich: Kann es sein, daß ein Mann für Deutschland keine Bedeutung mehr hat, der - so große und erfolgreiche Forschungsreisen durchgeführt hat,
- einen ganzen Kontinent in seiner Vielfalt erstmals ins Blickfeld der Wissenschaften gerückt
hat,
- sich zu einer Zeit gegen die Versklavung und Ausbeutung indigener Völker einsetzte, als
sich kaum jemand für dieses Thema interessierte, und schließlich
- in seiner Bedeutung für Lateinamerika sogar mit Simon Bolivar auf eine Stufe gestellt wird? Die Frage ist natürlich selbst schon die Antwort: Das kann ja wohl nicht sein. Humboldt ist übrigens nicht der einzige seiner Art: Wer kennt in Deutschland noch Max Müller und sein Verhältnis zu Indien? Oder Franz von Siebold und seine Rolle in Japan? Oder die Beziehungen zwischen Carl Bockelmann und der arabischen Welt? Wer in Deutschland kennt ihre Leistungen? Von Spezialisten abgesehen kaum jemand. Wie groß ist dagegen ihr Ansehen in ihren "Gastländern", in denen ihr Name selbst Schulkindern geläufig ist! Das hat bis heute auch eine außenpolitische Dimension: Das Ansehen Deutschlands beruht in vielen Ländern gerade auf dem Wirken solcher Persönlichkeiten. Wir zehren noch heute davon. Es ist daher eine mehr als verdienstvolle Tat, mit Alexander von Humboldt den größten unter ihnen der Vergessenheit zu entreißen. Nicht nur um der Vergessenen willen: Es ist ein Dienst an der deutschen Wissenschaft und ein Beitrag zur Weiterentwicklung der Sehschärfe, mit der wir Deutsche die äußere Welt betrachten sollten. Man muß sich den Vorgang einmal vor Augen führen: Im Deutschland des 18. Jahrhunderts hat sich in Alexander von Humboldt das Talent eines Wissenschaftlers entfaltet, der heute als letzter Universalgelehrter, als erster Ökologe, als Vorläufer globalen Denkens und als früher Vertreter einer ganzheitlichen wissenschaftlichen Betrachtung gilt. Ein Wissenschaftler, der also bereits vor 200 Jahren den Blick für Themen geöffnet hat, die wir heute eigentlich erst richtig erfassen können. Das ist ungeheurer Reichtum, der von den Großen seiner Zeit zwar durchaus erahnt wurde; es ist aber doch auch ein trauriges Schicksal, wenn man sich das Gedenken der Nachwelt vor Augen führt. Wir mögen diese erschreckende Erkenntnis getrost in unsere Gegenwart extrapolieren, denn allzuviel hat sich an der Erkenntniskraft für Neues ja wohl nicht geändert: Es könnten sich doch auch unter uns Talente entfalten, die wir nicht oder zu spät erkennen. Und es könnten sich Entwicklungen anbahnen, die einzelne Begnadete erkennen, die sich uns anderen aber partout nicht erschließen wollen. Was tun wir, um solche Talente zu fördern, ihrer Entfaltung den Weg zu ebnen? Ich habe mich dazu während meiner Amtszeit mehrfach geäußert, und ich habe nicht die Absicht, Sie heute wieder damit zu befassen. Nur eines: Triebkraft der Wissenschaft sind Neugier und Abenteuerlust - und das genau ist jugendliche Mentalität. Erneuerer haben es immer mit Dogmatikern zu tun. Erst wenn sie sich gegen deren Beharren durchsetzen, gibt es einen wissenschaftlichen Durchbruch. Gleiches gilt ja auch für gesellschaftliche Durchbrüche. Wir fragen uns immer wieder, warum es Innovation bei uns so schwer hat; wir beklagen den Mangel an Vorbildern. Dabei haben wir sie doch. Diese Ausstellung kann Vorbilder zugänglich machen; sie kann die Kräfte der Neugier und der Abenteuerlust unterstützen. Wie Sie sehen, ist es nur ein kurzer Schritt von der Betrachtung über ein verschollenes Talent zu den Zukunftsaufgaben, die uns heute bedrängen; wir brauchen unser Bedürfnis nach Belehrung gar nicht zu strapazieren: Die Schlußfolgerungen bieten sich von selbst an. Es ist das uralte pädagogische Thema: Schulung der Menschen und der Gesellschaft zur Offenheit ist Voraussetzung dafür, daß solche Talente nicht verkümmern, sondern daß sie dem Nutzen der Gesellschaft dienstbar werden. Und hier, das wissen wir alle, haben wir immer noch großen Nachholbedarf. HeN-107
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