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27. August 1999 Innovationspolitik
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Aufbruch in eine neue Gründerzeit

Reformkommission Soziale Marktwirtschaft legt Maßnahmenkatalog für "Renaissance der Selbständigkeit" vor

Gründernews - GN-1034 - Gemeinsame Presseerklärung der Bertelsmann Stiftung, Heinz Nixdorf Stiftung und Ludwig-Erhard-Stiftung - Berlin, 26. August 1999

Gesamtverzeichnis der Gründernews unter www.gruendernews.de

Einen Maßnahmenkatalog für eine "Renaissance der Selbständigkeit" hat die von der Bertelsmann Stiftung, der Heinz Nixdorf Stiftung und der Ludwig-Erhard-Stiftung berufene Reformkommission Soziale Marktwirtschaft in ihrer heute vorgestellten Stellungnahme vorgelegt. Der Vorsitzende der Kommission und langjährige ehemalige Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Otto Schlecht, und der Parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Siegmar Mosdorf, betonten in Berlin die zentrale Rolle von risikofreudigen jungen Unternehmen für die Innovationskraft und Dynamik einer Volkswirtschaft.

Die Kommission unter Vorsitz von Prof. Schlecht, der neben Siegmar Mosdorf (SPD), Friedrich Merz (CDU), Julius Cronenberg (FDP) und Oswald Metzger (GRÜNE) auch Unternehmer wie Jost Stollmann und Gewerkschaftsvertreter wie Hermann Rappe angehören, hat in ihrem Maßnahmenkatalog grundlegende Reform-Ideen vorgestellt, mit dem Ziel, das Klima für Existenzgründungen zu verbessern und den "Aufbruch in eine neue Gründerzeit" zu gestalten.

Sowohl im Handwerk als auch in den High-Tech-Feldern sieht die Kommission große Potentiale: Mit der Handwerksordnung sollte zwar der Meisterbrief als Qualitäts- und Gütesiegel gesichert werden, andererseits sollten aber die Markzutrittsbedingungen für Existenzgründer auch im Handwerk erleichtert werden. Für Existenzgründer wäre es daher wichtig, den Meisterbrief auch berufsbegleitend erwerben zu können.

Im Hochtechnologiebereich erschwere insbesondere die im internationalen Vergleich niedrige Eigenkapitalquote die vielversprechenden Existenzgründungen in diesem Sektor. Um den Risikokapitalmarkt weiter zu stimulieren, seien zusätzliche Erleichterungen für den Börsengang und die angemessene steuerliche Behandlung von privaten Beteiligungen zu prüfen. Zur Eigenkapitalstärkung von Neugründungen durch Beteiligungsgesellschaften schlägt die Kommission darüber hinaus die stärkere Nutzung des amerikanischen Konzepts der privaten Beteiligung über "Business Angels" vor. Diese verbinden die finanzielle Beteiligung an neugegründeten Unternehmen mit Engagement in Beratung und Einbringen von Erfahrungen.

Eine zentrale Rolle für eine neue Kultur der Selbständigkeit attestiert die Kommission der Schul- und Hochschulausbildung: Neben allgemeiner Stärkung der Kompetenzen zur selbständigen Problemlösung und in handwerklicher Nutzung neuer Medien fordert die Reformkommission im Bildungsbereich eine Vermittlung von ökonomischem Grundverständnis und positiven Leitbildern unter anderem durch Etablierung eines Schulfaches "Ökonomie" und die Interdisziplinarität von naturwissenschaftlichen und ökonomischen Studiengängen. Auch Initiativen zur Einrichtung von Existenzgründungslehrstühlen sollten verstärkt werden. Mosdorf: "Universitäten müssen zu Quellenstandorten von Unternehmensgründungen werden, um Brücken zwischen Hochschule und Wirtschaft zu bauen und den Rohstoff Wissen stärker zu nutzen."

Aber auch die Bedingungen einer zweiten Chance im Falle eines Scheiterns müssen weiter verbessert werden. Die am 1. Januar 1999 in Kraft getretene Novelle der Insolvenzordnung sei zwar ein bedeutender Schritt in die richtige Richtung, gehe aber noch nicht weit genug, um Unternehmern, die einmal Konkurs anmelden mussten, tatsächlich eine zweite Chance einzuräumen. Insbesondere wäre eine weitergehende Vereinfachung des Verfahrens zur Restschuldbefreiung und eine Lösung auch für die Schuldner notwendig, deren Vermögen nicht zur Deckung der Verfahrenskosten ausreichen.

Diese Pressemitteilung können Sie auch hier auf dem Bertelsmann-Server lesen


Aus den Presseberichten vom 27.8.99 :

„Wir brauchen endlich eine neue Unternehmergeneration“, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Siegmar Mosdorf, am Donnerstag in Berlin bei der Vorstellung des Berichts „Die Renaissance der Selbständigkeit“. Mosdorf plädierte gemeinsam mit dem langjährigen Wirtschafts-Staatssekretär Otto Schlecht unter anderem dafür, Handwerkern das Erlangen des Meisterbriefs zu erleichtern. Zwar wollten sich 60 bis 70 Prozent aller Gesellen auf eigene Füsse stellen. Viele würden jedoch an der Doppelbelastung von Meisterausbildung und Beruf scheitern. Gerade für Existenzgründer wäre es daher wichtig, „wenn der Meisterbrief auch berufsbegleitend erworben werden könnte“.

Die Reformkommission ist einer Initiative der Bertelsmann Stiftung, der Heinz Nixdorf Stiftung und der Ludwig-Erhard-Stiftung entsprungen. Ihre Mitglieder beschäftigen sich seit längerem mit Konzepten zur Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Ihr Vorsitzender Schlecht formulierte das Ziel des Gremiums, die Selbstständigenquote in Deutschland von derzeit knapp zehn Prozent auf 15 Prozent zu steigern. Die Bundesrepublik ist in diesem Bereich mittlerweile unter den europäischen Durchschnitt gesunken, von den Verhältnissen in den Vereinigten Staaten ganz zu schweigen.

Einen weiteren Ansatz zur Stärkung eigenverantwortlichen Wirtschaftens sieht Staatssekretär Mosdorf in einer weiteren Änderung des Insolvenzrechtes. Existenzgründer bräuchten schlichtweg eine zweite Chance, sagte der SPD-Politiker. So seien im Jahr 1997 mehr als drei Viertel der 33 400 zusammengebrochenen Firmen weniger als acht Jahre im Geschäft gewesen. Zu Recht sollten zwar Geldgeber und Kunden vor unseriösen Unternehmern geschützt werden. Allerdings bringe das geltende Recht gerade junge Technologieunternehmen regelmässig in die Bredouille. Diese stünden nämlich immer wieder vor der sehr schwierigen Entscheidung, ob sie für ein Projekt ihre finanzielle Existenz aufs Spiel setzen müssten.

Um jungen Unternehmern den Start zu erleichtern, setzte sich Mosdorf für weitere steuerpolitische Änderungen ein. Der Steuer-Freibetrag, der Unternehmen bei einem Generationswechsel gewährt wird, soll von derzeit 60 000 Mark auf eine deutlich höhere Summe angehoben werden. "Ich kann mir einen Betrag von 500 000 Mark einmal im Leben vorstellen", sagte der Staatssekretär. Wer Gewinne beim Verkauf von Unternehmensteilen erziele, solle steuerlich entlastet werden, wenn das Geld in Start-Ups investiert werde. Firmen mit einem Jahresumsatz von 500 000 Mark und 48 000 Mark Gewinn müssen derzeit die Bücher doppelt führen. Diese Beträge sollen nach Vorstellung Mosdorfs möglichst verdoppelt werden.

"Eine speziell auf Unternehmensgründungen ausgerichtete Deregulierungsstrategie birgt noch unausgeschöpfte Potenziale in Deutschland", schreiben die Experten. Beispiel: eine neue Handwerksordnung, nach der es Gesellen leichter haben, den Meisterbrief zu erlangen. "Standesrichtlinien, die als Wettbewerbshemmnisse und Markteintrittsbarrieren wirken, müssen verschwinden." Mosdorf machte klar, dass er die Ziele der "Denkfabrik", der er schon vor seinem Wechsel ins Wirtschaftsministerium angehörte, in die Politik bringen will - so in jener von der Regierung eingesetzten Kommission, die das strittige Gesetz über die Scheinselbstständigkeit überprüft.

"Wir haben Fehler gemacht", sagt er über die Bundesregierung. "Wir haben ein Klima der Selbstständigkeit zerstört." Das gelte es rückgängig zu machen. Ganz oben auf der Liste der Veränderungen stehe die große Steuerreform. Mosdorf redet von einem Eingangsteuersatz von 15 Prozent, "ohne eine neue Struck-Diskussion anfangen zu wollen". Peter Struck, Fraktionsvorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, hatte sich jüngst für diese Höhe ausgesprochen - und war auf den erbitterten Widerstand seiner Partei gestoßen.

Die Kommission erkennt bei der Reform des Bildungs- und Ausbildungssektors dringenden Handlungsbedarf. In den Schulen müssten sich Lehrer und Schüler mit Ökonomie und Selbstständigkeit viel stärker auseinander setzen. Schlecht bezeichnete ein von der Bertelsmann Stiftung finanziertes Projekt "Wirtschaft in der Schule" als beispielgebend. In sieben nordrhein-westfälischen Versuchsgymnasien würden wirtschaftliche Inhalte gelehrt und Praktika organisiert. Die Universitäten hätten eine Schlüsselrolle bei der Förderung von Selbstständigkeit inne. Vorbild seien die so genannten "Pioneer Squares" in den USA: Rund um die Hochschulen entstünden Netzwerke Tausender neuer Unternehmen. Ihnen müsste der Zugang zum Kapitalmarkt weiter erleichtert und Risikokapital bereitgestellt werden.

Die Nähe zu Hochschulen, helle Köpfe und der Zugang zu externem Know-how seien ausschlaggebende Erfolgsfaktoren für Gründungswellen in einer Region. Von Absolventen des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston seien in den letzten Jahren 4 000 Unternehmen gegründet und 1,1 Millionen Arbeitsplätze geschaffen worden, berichtete Mosdorf.

Lesen Sie hier weiter:

Berliner Zeitung, 27.8.99
Reformkommission fordert große Steuerreform
Schlecht und Mosdorf legen Maßnahmenkatalog für "Renaissance der Selbstständigkeit" vor

Der Tagesspiegel vom 27. August 1999
Renaissance der Selbstständigkeit
Reformer wollen mehr Unternehmer in Deutschland - aber wie? Im "Pioneer Square Deutschland" tragen privaten Initiativen die Wirtschaft - und der Staat bereitet durch Deregulierung den Boden dazu


Berlin - Capital of Talent
Von Thomas Heilmann, Geschäftsführender Gesellschafter von Scholz & Friends, Berlin

Beachten Sie auch diese Berichte in Gründernews:

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Autor: Manfred Ronzheimer


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