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Wissenschaftsstandort und industrielle Forschung
Walter Dörhage : Der Technologiepark Adlershof als typisches Produkt Berliner Wissenschafts- und TechnologiepolitikNach Auflösung der Akademie der Wissenschaften der DDR im Zuge der Vereinigung hat die Berliner Wissenschaftspolitik nach einigem Zögern die Chance der brach liegenden Potentiale genutzt: Mit erheblichem finanziellen Aufwand wurden nach der Qualitätsbeurteilung durch den Wissenschaftsrat aus der “Erbschaft” der Akademie dreizehn wissenschaftliche Einrichtungen neu bzw. umgegründet oder neu angesiedelt: – Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (mit Institut für Planetenerkundung und Institut für Weltraum-Sensorik) (DLR), sowie Hinzu gekommen ist als Umsiedlung aus dem Westteil Berlins die Serviceeinrichtung BESSY, die mit BESSY II einen Hochleistungselektronenbeschleuniger zur Erzeugung von Synchrotronstrahlung für ein breites Spektrum von naturwissenschaftlichen und technologischen Anwendungen betreibt. Nach dem Wieder- oder Neuaufbau und der Modernisierung dieser Institute steht am Standort Adlershof ein erhebliches Potential wissenschaftlich-technischer Ressourcen bereit. Inhaltlich bündelt sich die wissenschaftliche Kompetenz dieser Einrichtungen auf vier Themenschwerpunkte (Cluster), die auch als Anknüpfungspunkte für die Ansiedlung und Neugründung von Unternehmen dienen sollen. – Neue Materialien/Materialforschung, neue Verfahren (Funktionsmaterialien, Katalyse, Nanomaterialien, Fullerene, Photovoltaik, Femtochemie, LIGA-Verfahren), Diese erhebliche Konzentration naturwissenschaftlicher Ressourcen wird sich mit der eingeleiteten Verlagerung naturwissenschaftlicher Fächer/ Fachbereiche der Berliner Humboldt-Universität nach Adlershof noch verstärken. Bis ca. 2003/2005 soll dieser Prozeß jetzt beschleunigt abgeschlossen werden . Auch die universitären Fachbereiche sind in der Regel in ihren Forschungsaktivitäten an Grundlagenzielen orientiert. Sie sind aber für den Standort wichtig, weil sie mit Studierenden, Diplomanden und Doktoranden die wichtigste Ressource für Innovationen mitbringen: hochqualifizierte junge Leute. Die von qualitativ anspruchsvollen Forschungszielen geprägten Forschungseinrichtungen treffen in Adlershof auf ein noch heterogenes Firmenumfeld, das von den Ausgründungen der Akademie und ihrer Nachfolgeeinrichtungen und noch relativ wenigen innovativen Neugründungen geprägt ist. Detaildaten sind nicht verfügbar, die Auflistung der in den verschiedenen “Zentren” inhaltlich zusammengefaßten Unternehmen gibt erste Anhaltspunkte für die grobe Sortierung. Allerdings wird das Business-Center größtenteils durch die Humboldt-Universität genutzt. Systematische Untersuchungen über das Zusammenwirken zwischen am Standort befindlichen Unternehmen und den Forschungsinstitutionen liegen noch nicht vor. Immerhin residierten am 31.12.1998 269 Unternehmen im Technologiepark mit 2.252 festbeschäftigten sowie rund 600 weiteren Mitarbeitern; neben knapp 1.500 Beschäftigten in den wissenschaftlichen Einrichtungen (alle Angaben: WISTA 1999). Allein 1998 kamen 60 neue Unternehmen hinzu. Der Umsatz der Firmen am Standort betrug zusammen 360 Mio. DM; 70 Mio. DM konnten als Fördermittel zusätzlich eingeworben werden – für das Ende der Startphase keine schlechte Bilanz und eine günstige Ausgangsposition für die Adlershofer Zielsetzungen. Belegbare Aussagen über die Adäquanz der angesiedelten Firmen und die dadurch gegebenen Kooperationsmöglichkeiten mit der Wissenschaftsseite bzw. die erwarteten Innovationseffekte lassen sich derzeit nicht treffen. Einerseits erfolgte die wissenschaftliche “Cluster”-Bildung am Standort nachträglich, um das Profil nach außen deutlicher zu machen, andererseits konnte durch den verzögerten Entstehungsprozeß des WISTA-Parks eine Ansiedlung “profilkonformer” Unternehmen erst zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Der derzeit vorhandene Mix ist also noch weitgehend zufallsgeprägt. Hier zeigt sich das Manko des immer noch fehlenden ausgefeilten Konzepts für Adlershof, das in der Frühphase unmittelbar nach der Wende allerdings aufgrund der einmaligen historischen Situation ja auch nicht gleich vorliegen konnte. Zehn Jahre später bedeutet es aber ein unverzeihliches wirtschafts- und innovationspolitisches Versäumnis, zumal ein tragender Pfeiler der Berliner Technologiepolitik nicht durch das unternehmenspolitische Konzept der Betreibergesellschaft WISTA Management GmbH als mehr erwerbswirtschaftlicher Vermieter ersetzt werden kann. Flächen- und Gebäudebereitstellung sowie Infrastruktur sind wichtige Voraussetzungen, machen aber einen modernen Technologiepark nicht aus. Während die Gebäudevoraussetzungen mittlerweile günstig sind und die technische Infrastruktur große Fortschritte (Straßen, Medien, EDV) gemacht hat, ist die Verkehrsanbindung (S-Bahn-Haltepunkt, Bus, Straßenbahn) noch mehr als dürftig. Es wird nach Aussagen der Planer noch vier bis fünf Jahre dauern, bis dies geheilt ist – zu lange für einen raschen internationalen Wettbewerb. Nach Ende der baulichen und infrastrukturbezogenen Startphase müssen jetzt klare und energische Weichenstellungen vorgenommen werden, die die wirtschaftspolitisch gewünschten und erforderlichen Innovationsimpulse auf high-tech-Firmen in den Mittelpunkt aller Anstrengungen stellen. Dies betrifft sowohl Konzept und operative Strategie der WISTA-Betreibergesellschaft als auch das vorgelagerte “gemeinsame” Konzept der Senatsverwaltungen. Beide fehlen noch, wenn strenge Managementanforderungen angelegt werden. Für das Konzept des Senats – das notwendigerweise ein Rahmenkonzept sein muß – sind die oben angedeuteten Vorgaben und Anreize, gerichtet an Forschungseinrichtungen und auch Hochschulen, unerläßlich. Gerade Naturwissenschaft ist per se grundlagenorientiert, das gilt auch für die meisten Adlershofer Institute. Nur im Ausnahmefall liegen dann gute Voraussetzungen für die Kooperation mit Unternehmen vor. Die außeruniversitären Institute in Adlershof müssen also durch einen – vom Senat und Bundesgeldgeber initiierten Strukturwandel dazu gebracht werden, mit einem Teil ihrer Aktivitäten im strengen Sinne anwendungsnah und serviceorientiert zu werden. Sonst bleiben Transfer- und Innovationsimpulse entweder ganz aus oder vereinzelt und Stückwerk. Die Ansiedlung der HU-Fächer ist sicher ein richtiger Schritt, besser noch wäre die Verlegung der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft, wegen ihrer größeren Praxisnähe. Dies geht aller Erfahrung nach nur über eindeutige – auch finanzielle und personelle – Vorgaben der Geldgeber und der Politik, und es geht auch nicht ohne Konflikte. Aber nur so läßt sich eine auch thematisch-inhaltliche Annäherung an Aufgaben, Themenstellungen und Bedürfnisse der Praxis, und das heißt ja industrieller Kunden und Nachfrage, realisieren. Der erforderliche Kulturwandel hin zur Innovationskultur muß auch bei den Forschern und ihren Instituten erst noch vorgenommen werden. Dafür gibt es erfolgreiche Beispiele in Berlin, wie z.B. das Heinrich-Hertz-Institut oder auf dem schwierigen geisteswissenschaftlichen Feld das WZB. Die Kooperation von Forschungseinrichtungenuntereinander (Netzwerke, “Kooperationszentren”) ist für die Praxiswende der Forschung kein Ersatz, kann aber die Voraussetzungen dafür verbessern. Das Medizinische Zentrum Buch hat es insofern einfacher, weil es den Patienten als eigenes “Praxisfeld” hat und die an Medizin- bzw. Biotechnik sowie an Medikamenten interessierten kooperationswilligen Firmen gleich dazu. Von der vorhandenen Anzahl der wissenschaftlichen Ressourcen, ihrer Qualität und wissenschaftlichen Kompetenz sind die Voraussetzungen in Adlershof eigentlich glänzend, die Innovationspolitik muß nur praktiziert werden, und das geht nicht von allein, das heißt ohne einen Vorgabenkatalog (und auch Sanktionen!) und nicht ohne aktiven Mittler und Makler. Diese Rolle muß die WISTA GmbH übernehmen. Die WISTA-Management GmbH steht vor einem Strategiewechsel: von einem noch von Ost-Mentalität geprägten Flächenvermieter (Kunde droht mit Auftrag), der seine Bauten errichtet hat und mehr schlecht als recht Mieter sucht, hin zu einer professionell arbeitenden Betreibergesellschaft, die sich als Technologiebroker und Innovationsmoderator versteht, und den Servicecharakter wie den Kommunikationsaspekt in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellt. Mit der Berufung eines neuen ersten Geschäftsführers ist offensichtlich bereits ein vielversprechender Schritt in diese Richtung getan worden. Jetzt muß der WISTA-Apparat entsprechend umgeformt werden, neue Aufgabenschritte festgelegt werden, und die einzelnen Zentren und “Cluster”, also die wichtigsten wissenschaftlich-technischen Schwerpunkte, müssen tatkräftige und entscheidungsfähige Innovations- bzw. Kooperationsmanager bekommen. Das Rahmenkonzept für das Technologieparkmanagement muß in enger Abstim-mung zwischen WISTA, Senat, wissenschaftlichen Einrichtungen und Unternehmen schrittweise vervollständigt werden. Das setzt enge und vertrauensvolle Abstimmungs- und Koordinationsprozesse voraus, an denen es bislang vielfach mangelte. Gerade die vielfache, flächendeckende Kommunikation der am Standort Beteiligten ist aber die entscheidende Erfolgsvoraussetzung für eine Einrichtung wie Adlershof, weil nur daraus Kooperationen, neue Ideen und gemeinsame Aktivitäten entstehen können. Darauf müssen also die Anstrengungen konzentriert werden; denn alles andere ist praktisch vorhanden oder mobilisierbar. Die “Innovationsplantage” soll in der Tat neue Unternehmen “züchten” und sich dabei der ja bekannten innovations- und technologiepolitischen Instrumentierung intensiv (!) bedienen – was bisher wenig zu spüren war. Internationales Marketing darf dann auch nur ein Nebenaspekt sein, weil die Chancen für große externe Erfolge sehr gering sind. In erster Linie geht es um Neu- und Ausgründungen und die Initiierung junger High-tech-Firmen aus der Region und ihrer vorhandenen Potentiale. Hier liegen mittelfristig die größten Wachstums- und Beschäftigungspotentiale, wie alle Erfahrungen zeigen. Das Beispiel Adlershof zeigt die Komplexität von umfangreichen politischen Großvorhaben, die auch eine entsprechende komplexe Politik erforderlich machen, wenn sie erfolgreich sein sollen. Der gute Wille dazu reicht nicht. Es ist zu hoffen, daß die großen Möglichkeiten die Politik veranlassen, ihre derzeit eher lethargische Phase auch in dieser Hinsicht zu überwinden. Dr. Walter Dörhage ist administrativer Geschäftsführer der BESSY GmbH in Adlershof
Auszug aus :
Walter Dörhage in: BerliNews bedankt sich beim Verlag für die Bereitstellung der Textvorlage und empfiehlt nachdrücklich den Kauf und Lektüre dieses Buches! (Bestellen Sie über Amazon auf der BerliNews-Homepage) Weitere Auszüge in BerliNews werden folgenBeachten sie auch diese Seite: BerliNews,16. 8. 99
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Walter Momper, Jürgen Kromphardt, Georg Dybe, Rudolf Steinke (Hg.) Links für Sozialwissenschaftler
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IP-3750aAutor: Manfred Ronzheimer
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