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27. April 2000 Umwelt

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    Chemische Stressfaktoren in aquatischen Systemen

    Symposium Wasserforschung war ein voller Erfolg

    PM Geoagentur BERLIN, 16.4.00

    Am 13. Und 14.04.2000 fand im Ernst-Reuter-Haus in Berlin-Charlottenburg das diesjährige Symposium Wasserforschung zu dem Thema “Chemische Stressfaktoren in aquatischen Systemen” statt, das vom Interdisziplinären Forschungsverbundes Wasserforschung e.V., dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Kooperation mit der GEOAgentur Berlin Brandenburg veranstaltet wurde. Die Thematik stieß auf sehr großes Interesse: rund 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den Bereichen Umwelt, Wasserchemie, Biologie und Geowissenschaften nahmen an der interdisziplinären Veranstaltung teil.

    Ein in der Hydrogeologie behandelter Problemkreis ist die Einflußnahme 100jähriger Rieselfeldbewirtschaftung auf die Grundwasserbeschaffenheit. Die Beeinflussung kann - wie hier am Beispiel Berlin Süd- durch ein Transportmodell quantitativ erfaßt werden. Die Abbildung zeigt die mit dem Finite-Elemente Programm FEFLOW simulierten Verteilungen der Chlorid-Konzentrationen des Ist-Zustands auf der Grundlage in Pegeln erfaßter Meßwerte. - Quelle

    Welche Lektionen konnte man in diesen beiden Tagen lernern? Was war neu? Die Ergebnisse lassen sich in folgenden Aussagen zusammenfassen:

    1. In Berlin konzentrieren sich viele Wasserprobleme, insbesondere die Kontaminationsprobleme (im Symposium plastisch als “chemische Stressfaktoren” bezeichnet), aufgrund des Gewässerreichtums bei gleichzeitigem geringen Wasserdargebot wie in einem Brennglas. Das bedeutet, dass in Berlin häufig schon Lösungen erarbeitet worden sein müssen, wenn anderswo erst die Probleme als solche erst erkannt werden.

    2. In Berlin arbeiten die Wasserforschung, die Wasserbetriebe und die zuständige Fachverwaltung erfolgreich zusammen, so dass es bislang noch nicht zu Problemen beispielsweise bei der Trinkwasserversorgung hinsichtlich der Qualität gekommen ist. Probleme könnten sich aber mit den gut wasserlöslichen Abbauprodukten von Medikamenten oder Arzneihilfsmit-teln ergeben, die nicht durch herkömmliche Aufbereitungsverfahren aus dem Wasser eliminiert werden können.
    Die Qualität der Oberflächengewässer lässt allerdings zu wünschen übrig: Sie sind eutrophiert und bringen häufig toxische Blaualgen-(Cyanobakterien)-Blüten hervor, die eine Gefahr für die Gesundheit von Mensch und Haustier darstellen.

    3. Bei der Erkennung von “chemischen Stressfaktoren” ist die chemische Analytik natürgemäß immer der Vorläufer. Sie ist heute in der Lage, auch relativ gut wasserlösliche Stoffe zu erfassen, die beispielsweise aus dem Abbau von Human- und Veterinär-Pharmaka, aus dem Krankenhausbetrieb oder von Chemikalien aus dem täglichen Gebrauch des Menschen stammen. Die Umweltanalytik wird solange “Chemikalien des Monats” in den Gewässern kreieren, wie kein konsequentes Umdenken bei den zuständigen Behörden und dem Gesetzgeber sowie dann nachfolgend bei der chemischen und pharmazeutischen Industrie eingesetzt hat.
    Diese Chemikalien sind nicht “sakrosankt”, das heisst: Der Gedanke: “Wenn bestimmte Chemikalien dem Menschen oder seinem Haustier dienlich sind, dann sind sie auch für die Umwelt nicht schädlich” hat sich als nicht haltbar, ja als Unfug herausgestellt, wie beispielsweise die Probleme mit den hormonähnlichen Stoffen im aquatischen Bereich sehr deutlich aufzeigen. Die einzige logische Konsequenz kann deshalb nur lauten: Auch Chemikalien des menschlichen Gebrauches, seien es Arzneimittel, Arnzeihilfsmittel oder solche des täglichen Gebrauches, sind wie Umweltchemikalien zu behandeln.
    Das bedeutet, sie sind vor Inverkehrbringung auch auf ihr Verhalten in der Umwelt zu testen. Diese Tests beinhalten unter anderem die toxischen Potenziale gegenüber verschieden aquatischen Organismen sowie die Eliminierbarkeit in Kläranlagen. Letztere muss deutliche über 90% liegen. Würde diese Forderung heute schon gelten, dann wäre die Emission von östrogenen Substanzen beispielsweise aus den Kontrazeptiva auf ein Minimum reduziert.

    4. Ökologie und Ökotoxikologie können zwar anhand von aquatischen Lebensgemeinschaften viele negative Effekte der chemischen Stressfaktoren aufzeigen. Die Kausalketten, welche chemische Stressfaktoren in welchen konkreten Fällen für die beobachteten negativen Effekte verantwortlich sind, können allerdings nicht in jedem einzelnen Falle geschlossen werden, so dass der allgemeine Vorsorgegrundsatz gelten muss: Die Beweislast, dass eine Chemikalie oder ein Einleiter mögliche schädigende Wirkungen haben, darf nicht bei den überwachenden Behörden oder den untersuchenden wissenschaftlichen Einrichtungen liegen, sondern eine Chemikalie gehört solange nicht ins Abwasser oder eine Einleitung darf solange nicht vorgenommen werden, wie deren (weitgehende) Unschädlichkeit nach dem bestehenden Wissen und mit den vorhandenen Methoden der Risikoabschätzung nicht nachgewiesen ist.

    5. Berlin hat in seinen Gewässern ein verdünntes Gemisch aus Allelochemikalien (wie den verschiedenen Blaualgen-Giften) und Ausgangsstoffen sowie Abbauprodukten von Chemikalien des menschlichen Gebrauches. Dieser multiple chemische Stress hat zweifelsfrei seine Wirkung auf die Organismen im Wasser. Das Rüstzeug zur Erfassung und vor allem der Bewertung multipler Expositionen und Wirkungen steckt allerdings noch in den Kinderschuhen. Auf diesem Gebiet wird Berlin mit neuen Konzepten aufwarten.

    6. Auf zwei Gebieten zeichnet sich ein Paradigmen-Wechsel ab:
    a) Phosphor ist nicht in jedem Falle als negativer Faktor für die Gewässer anzusehen. So gibt es extrem saure Restseen, die im Zuge des Braunkohleabbaus beispielsweise in der Lausitz entstanden sind und die durch eine gezielte Eutrophierung und Saprobisierung - etwa durch Einleitung gereinigten Abwassers - in einen nahezu neutralen Zustand gebracht werden können, von dem zum Beispiel keine Gefahr mehr für das Grundwasser ausginge.
    b) Der möglicherweise gravierenste Paradigmen-Wechsel zeichnet sich bei der Siedlungswasserwirtschaft ab: Die Reduktion von Emissionen aus dem häuslichen Abwasser bis auf fast Null ist nicht mehr utopisch, sondern lässt sich mit wirtschaftlich vertretbarem Aufwand auch für Neubausiedlungen realisieren. Der Kernpunkt bei der Emissionsverminderung ist die Trennung der verschiedenen Ausscheidungen des Menschen und deren getrennte Behandlung in kleineren Anlagen mit dem Ziel, Nährstoffe wieder in den natürlichen Stoffkreislauf zurückzuführen, ohne die Gewässer weiterhin als Stoffsenke zu mißbrauchen.
    In Neubaugebieten sowie bei der grundlegenden Sanierung von bestehenden Altbauten dürfte in Berlin ein großes Potential bestehen, derartige Ansätze auch in einer Metropole zum Einsatz zu bringen. Interessanterweise wird diese Sicht von den Berliner Wasserbetriebe geteilt, so dass Berlin auch auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle spielen kann.

    Das Wassersymposium hat somit eindeutig gezeigt, dass Berlin nicht nur im Aufzeigen von Problemen vieles zu sagen hat, sondern auch mit intelligenten Lösungen aufwarten kann, so dass dieses Symposium in der nächsten Zeit Nachfolger finden wird.

    Christian STEINBERG, Bodo WEIGERT, Ulf THORWEIHE

    Alle Beiträge der Veranstaltung sind als Tagungsband in der Schriftenreihe Wasserforschung, Band 6, zusammengefaßt und können gegen einen Unkostenbeitrag von DM 40,- über den Wasserforschung e.V. bezogen werden (Fax +49 30 31508 222, Mail: wasserforschung@tu-berlin.de).

    Dieser Text auch hier zu lesen


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