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Wissenschaftspolitik

"Einstei'n bitte"

Bericht von der Wissenschaftskonferenz "Falling Walls" der Einstein-Stiftung

 

Am Montag, den 9. November, fand im Radialsystem V am Ostbahnhof die internationale Wissenschaftskonferenz "Falling Walls" statt, mit der sich auch die neue Berliner Einstein Stiftung erstmals in der Öffentlichkeit präsentierte. Das Thema war so passgenau auf den Jahrestag des Falls der Berliner Mauer vor 20 Jahren zugeschnitten, dass es gelang, sogar die Bundeskanzlerin an diesem Tag voller Events und Begegnung mit über 30 Staatsoberhäuptern zu einem Redebeitrag zu gewinnen. Chapeau.

Auch das Veranstaltungsformat - ein Science-Slam, in dem 28 Wissenschaftler in maximal 15 Minuten über die nächsten Durchbrüche in ihrem Forschungsgebiet berichteten - war originell und zeugt von der Innovationsfreude der Stiftung unter ihrem neuen Generalsekretär Sebastian Turner. Inhaltlich wurden den 700 angemeldeten Teilnehmern in englischer Sprache hoch konzentrierte Informationen aus der Wissenschaft von führenden Vertretern und aus erster Hand geboten - in dieser Fülle aus meiner Sicht sogar zu viel des Guten. Nach dem vierten Block war ich mit Einstein-Vorträgen so sehr abgefüllt, dass ich tatsächlich auf der Heimfahrt in der S-Bahn die Bahnsteigansage mit den Worten vernahm: "Einstei'n bitte!".

Stiftungsrat konstituiert

Am Tag zuvor hatte sich der Stiftungsrat der Einstein-Stiftung konstituiert, der die Psychologin Amélie Mummert (Jena) zur seiner Vorsitzenden wählte. Als Stellvertreterin bestimmte der Stiftungsrat die Geschichtsprofessorin Barbara Stollberg-Rilinger, die in Münster tätig ist. Weitere Mitglieder des Stiftungsrates sind der Mikrobiologe Herve Bercovier (Jerusalem) und der Elektrotechniker Olaf Kübler (Zürich). Aus Deutschland kommen neben Mummendey und Stollberg-Rilinger der Jurist Gerhard Caspar (derzeit Stanford-Universität, Kalifornien) und die Molekularbiologin Stefanie Dimmeler (Frankfurt am Main). Bercovier fungiert auch als Gesandter der Hebräischen Universität Jerusalem, die über die Namensrechte von Albert Einstein (1879-1955) verfügt. Einstein, der ab 1914 in Berlin gelehrt und geforscht hatte, musste vor den Nazis 1933 fliehen.

Am Abend vor der Konferenz hatte der Wissenschaftsstandort Adlershof die Teilnehmer zu einem Pre-Event geladen. Es war ein bunter, lockerer Abend, auch mit viel jungem Volk und experimenteller Küche. Zwei inhaltliche Vorträge zu den Themen Energie und Hirnforschung gaben einen Vorgeschmack auf die Konferenz des nächsten Tages.

Vortrag der Bundeskanzlerin

"Breaking the walls of the 21st century" war der Vortrag von Bundeskanzlerin Angela Merkel betitelt. (siehe eigene Seite auf BerliNews). Die kluge und durch ihre Biographie als ostdeutsche Wissenschaftlerin auch sehr authentische Ansprache hatte zwei zentrale Botschaften zum Wall-Kontext: Zum einen zeige das Beispiel der DDR und des 9. November, dass es nicht auf Dauer gelinge, freies Denken einzumauern. Freiheit sozusagen als politische Energie und Sprengkraft. Zum anderen erweise es sich für die politische Sphäre als eine der zentralen Aufgaben im 21. Jahrhunderts, die Mauer des nationalstaatlichen Denkens und Handelns zu überwinden. Aktuelle Beispiele dafür sind die Handlungsnotwendigkeiten in der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise sowie der Klimapolitik. Basis für eine Veränderung in dieser Richtung (wie vor 20 Jahren die katalytische Rolle der Informationsmedien in der bipolaren Welt) sei die Verbreitung des Wissens über die anderen Teile des Globus und ihrer Kulturen mit dem Ergebnis der Toleranz. Eine starke Botschaft Merkels aus dem politischen Raum, die auf der stark naturwissenschaftlich geprägten Falling Walls-Konferenz durchaus mit ein paar mehr Beiträgen aus den Sozial- und Kulturwissenschaften hätte untersetzt werden dürfen.

Zum Inhalt

Die Themenfelder der Konfernez waren unter anderem Anthropologie, Chemie, Energie, Ernährung, Geschichte, Immunologie, Ingenieurwissenschaft, Kommunikation, Mathematik, Medizin, Neurowissenschaft, Nuklearphysik, Paläontologie, Psychologie, Soziologie und Wirtschaft. Gegliedert waren die Vorträge in fünf Blöcke: Wurzeln (Geschichte), Leben (Medizin), Universum (Naturwissenschaften), Geist (Soziales), Zukunft. Die Zuordnung war aber nicht so streng. Die moderne Hirnforschung tauchte praktisch überall auf. Über die Auswahl der Themen lässt sich aber trefflich streiten. (Das machen wir in einem Extra-Beitrag.)

Die Redner kamen von führenden Forschungseinrichtungen weltweit: beispielsweise CERN, Charité, Collège de France, Duke University, ETH Zürich, Fraunhofer-Gesellschaft, Freie Universität Berlin, Humboldt Universität, Technische Universität, Helmholtz Gemeinschaft, Iter, Max-Planck-Gesellschaft, MIT, Princeton, University of Chicago.

Zum Format

Das Zeit-Management vor vorbildlich. Eine solche Präzision bei der Einhaltung von Redezeiten habe ich auf einer wissenschaftlichen Tagung noch nicht erlebt. Immer wenn der Redner sich seinem 15-Minuten-Limit näherte betrat ein großer und streng drein blickender Herr die Bühne, um mit einigen Gimmicks dann in der Regel den Sprecher zum Ende zu bewegen. Wohltuend war die Vielfalt der Präsentationsformen. Der TU-Chemiker Driess brachte sogar ein kleines Knallgaslabor auf die Bühne. Natürlich gab es auch Ausfälle. Der amerikanische Klassikforscher Glenn Most las einfach nur sein Manuskript ab, und auch Nobelpreisträger Yunus rauschte zwischen zwei anderen seiner vielen Mikrofinanz-Termine in Berlin nur für ein Viertelstündchen herein, ohne Zeit für Diskussion. So kann "mikro" auch aussehen.

Mir fehlte bei dieser Masse an Informationen - einer Zukunfts-Universität im Kleinen - jenseits der formalen Gliederung dann doch die inhaltliche Verknüpfung der Einzelteile. Da stehen doch noch viele Mauern der Disziplinen in der Landschaft. Solche Cross-Over-Effekte wie sie beispielsweise zur Zusammenstellung des Mittagessens führten, hätte ich mir mehr gewünscht. Die originelle Idee: Nachdem ein französischer Ernährungswissenschaftler darüber berichtet hatte, wie übergewichtige Kinder behandelt werden, gab es das Menu der Abnehm-Küche danach brühwarm zum Verzehr.

Zur Stiftung und ihrem Finanzdesaster

Über die weitere Entwicklung der Einstein-Stiftung selbst brachte die Tagung wenig Klarheit. Der sechsköpfige Stiftungsrat hat sich, wie erwähnt, erst am Wochenende konstituiert. Zusammen mit einem wissenschaftlichen Beirat, der noch im Laufe des Restjahres berufen wird, sollen neue Schwerpunkte identifiziert werden. Auch die exakten Förderrichtlinien müssen noch formuliert werden.

Die Stiftung soll in Berlin internationale Spitzenforschung fördern. Sie ist in den Jahren 2010 und 2011 mit jeweils 40 Millionen Euro ausgestattet, für den Zeitraum 2008/2009 flossen insgesamt 65 Millionen Euro.
Der Etat der Einstein-Stiftung liegt in diesem Jahr bei 57 Millionen Euro. Darin enthalten sind auch Mittel, die 2008 nicht ausgegeben wurden, berichtete der Tagesspiegel in seiner Ausgabe vom 10.11.
Das meiste Geld investierte Zöllner bisher in Projekte aus der Exellenzinitiative, die Berlin ohnehin kofinanzieren muss.

Am Dienstag in der Senatssitzung kam es dann zum finanziellen Aderlaß für die Stiftung. Um zusätzliche Stellen für die Kita-Betreuung in den kommenden zwei Jahren zu finanzieren, hatte sich Finanzsenator Nußbaum in den Senatsverwaltungen auf die Suche nach verfügbaren Geldern gemacht und war auf Posten gestoßen, die sich insgesamt auf einen Betrag von 84 Mio Euro summierten. Den größten Beitrag dieser Einspar/Umwidmungs-Summe leistet die neue Einstein-Stiftung. "Sie darf 33 von 70 Millionen Euro, die bisher nicht für Forschungsprojekte ausgegeben oder festgelegt wurden, nicht von 2008/09 auf das nächste Jahr übertragen", berichtete der Tagesspiegel in seiner Ausgabe vom 11.11. ("84 Millionen Euro für bessere Kitas")

Weiter heißt es in dem Artikel:
"Damit ist das "Sparschwein" des Bildungssenators Jürgen Zöllner (SPD) geschlachtet. Denn die Stiftung wurde verspätet gegründet und hat erst im Sommer begonnen, Fördermittel zu verplanen. Deshalb blieb viel Geld übrig. Es bleibt aber dabei, dass die Spitzenwissenschaft in Berlin in den nächsten zwei Haushaltsjahren mit jeweils 40 Millionen Euro bezuschusst wird. "Das heißt, die Qualität der Einstein-Stiftung wird nicht beschädigt", sagte Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos). Zöllner hat sich damit nun abgefunden. Er hat zwar koalitionsintern signalisiert, dass die Arbeitsfähigkeit der Stiftung für seine Weiterarbeit im Senat von zentraler Bedeutung sei. Andererseits soll Zöllner die 33 Millionen Euro jetzt von sich aus angeboten haben."

In der taz vom 11.11. wird dieser Vorgang so geschildert:
"Laut seinem Sprecher Martin Sand schlug Zöllner selbst vor, auf Gelder zurückzugreifen, die die noch stockende Einstein-Stiftung bislang nicht nutzte. Diese Schilderung sorgte in Senatskreisen für Belustigung: Zöllner habe sich vielmehr mit Händen und Füßen gewehrt, Gelder aus seinem Lieblingsprojekt lockerzumachen, hieß es."

Der Berliner Morgenpost vom 11.11. zufolge gab sich Zöllner nach der Senats-Sitzung "zufrieden". Er habe sein Ziel erreicht, für die Einstein-Stiftung in den nächsten beiden Jahren je 40 Millionen Euro zu sichern. Dafür bekommt er erstens so viel frisches Geld wie geplant und darf einen Teil der Reserven in die nächsten Jahre übertragen.

Für die Konferenz "Falling Walls" hatte die Stiftung 100 Ehrengäste sowie 50 "Young Scholars" geladen. Der Rest waren zahlende Gäste: Nachwuchsforscher zahlten 150 Euro, Gäste aus öffentlichen Institutionen 1000 Euro, aus Firmen 2500 Euro - und "Spender" 5000 Euro. Die Kosten für die Konferenz lagen nach Angaben des Tagesspiegels bei 168 000 Euro, die durch das Eintrittsgeld teilweise eingespielt werden sollten.

Manfred Ronzheimer

*

www.falling-walls.com

http://twitter.com/FallingWallsCon
FallingWallsCon : Mit einigen Verweisen zu den Vorträgen

 


Beachten Sie auch diese Seiten auf BerliNews:

Die Mauern des 21. Jahrhunderts überwinden
Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Konferenz "Falling Walls"
BerliNews, 10. 11. 2009 - ZN6734c

Welche Mauern fallen als nächste?
Konferenz "Falling Walls" der Einstein Stiftung präsentiert kommende wissenschaftliche Durchbrüche
BerliNews, 6. 11. 2009 - ZN6734a

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