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"Innovative Unternehmen - das neue Tafelsilber von Berlin"

Rede von Eberhard Diepgen, Regierender Bürgermeister von Berlin, auf dem 9. "Adlershofer Gespräch" am 4. Mai 1999

Tafelsilber ist ein wirklich altmodischer Begriff - und einer, der in manchen zumal West-Berliner Köpfen fest belegt ist: Für viele hat dies etwas mit Landesbetrieben zu tun. Dabei ist dies ein zeitloser, zukunftsträchtiger Begriff - gerade im vereinten Berlin, zehn Jahre nach dem Fall der Mauer. Ich möchte den Begriff Tafelsilber deshalb zeitgemäß verwenden - als Schlüssel für unsere wirtschaftliche Zukunft.

In Berlin kommt der Wohlstand aus den Köpfen. Die Natur hat Berlin und Brandenburg zwar mit touristischen Reizen, aber nicht mit Boden- und Naturschätzen verwöhnt. So waren Seen, Kiefernwälder und sandiger Boden zwar eine gute Vorlage für Dichter wie Fontane und Maler wie Leistikow, aber noch nie eine Grundlage für wirtschaftlichen Reichtum. Die Berliner und Brandenburger mussten sich vielmehr auf ihre Innovationskraft und ihre Flexibilität verlassen.

Diese Innovationskraft war in früheren Epochen verbunden mit Namen wie Emil Rathenau. Der erwarb die Patente Thomas Alva Edisons, nutzte das darin schlummernde Kopf-Kapital, gründete die AEG, übrigens in Oberschöneweide, nicht weit von hier entfernt, und machte Berlin zu einem führenden Standort der Elektrotechnik. Bei Fällen wie Siemens, Borsig war es das Gleiche, sie standen für das industrielle Tafelsilber Berlins an der Wende zum letzten Jahrhundert.

Am Ende dieses Jahrhunderts müssen wir uns an die zukunftsgerichteten Denkweisen und Tugenden der Gründerväter der Berliner Industrie erinnern und noch einmal fragen, wozu Berlins Kapital in den Köpfen im Zeitalter der Globalisierung fähig ist. Die vergangenen zehn Jahre haben Berlin wirtschaftlich einiges abverlangt. Die technische Revolution, die Herausforderungen von Globalisierung, europäischer Einigung und gemeinsamem Markt hielten in Berlin Einzug und verdeutlichten, dass wenig so bleiben konnte, wie es war. Manch altes Tafelsilber in Berlin ist längst verkauft oder verblichen. Wir müssen also neues bilden. Innovation, Flexibilität und Leistungsbereitschaft sind dabei bewährte Schlüssel zum Erfolg der Berliner Wirtschaft. In Zeiten der Globalisierung kann Berlin nur bestehen, wenn es sich auf das Kapital in seinen Köpfen besinnt!

Trotz sandigen Bodens hat Berlin ja beste Voraussetzungen dafür, dass am Anfang stets die Ideen stehen können. Was Berlin in den Zeiten der Teilung an politischen und wirtschaftlichen Entscheidungszentren genommen wurde, ist hier auf wissenschaftlichem und kulturellem Gebiet ersetzt worden. 45.000 Beschäftigte im Wissenschaftsbereich machen es deutlich. Sie stehen am Anfang einer Innovationskette, die stets zu neuen Arbeitsplätzen führt, wenn wir die Glieder dieser Kette verbinden. So meldeten Berliner Köpfe im vergangenen Jahr 1.405 Erfindungen beim Deutschen Patentamt in München an - sieben Prozent mehr als im Vorjahr, mehr auch als der Bundesdurchschnitt von fünf Prozent.

Berlin gewinnt als Wissensstandort an Profil. Aus aufmerksamen Vorlesungszuhörern werden in Berlin schon bald Unternehmensgründer im Hochtechnologiebereich. Da gründen drei Studenten eine Hinterhoffirma, die rund um die Welt ein Drittel aller verkauften ISDN-Controller mit der notwendigen Software ausstattet. Junge Menschen, die vor wenigen Jahren noch Philosophie studierten, stellen heute mit ihren Hightechfirmen Anträge auf Zulassung zur Berliner Börse - die Liste ließe sich, Ihnen allen brauche ich das nicht zu sagen, leicht verlängern.

So entsteht das neue Tafelsilber der Zukunft - klein, aber fein, zukunftsträchtig und nachhaltig! Berlin befindet sich hier in einer späten, aber zügigen Aufholjagd. So entstanden etwa die Hälfte der Berliner Software-Firmen nach der Wende und etwa 1.800 Firmen beschäftigen sich heute im weitesten Sinne hier mit Software. Rund 800 von ihnen sind reine Entwickler. Die Verschränkung von Wissenschaft und Wirtschaft wird von jungen Existenzgründern einmütig als besonders gute Voraussetzung Berlins für die Software-Branche genannt.

Günstige Rahmenbedingungen sind dabei das A und O. Der Berliner Senat versteht sich dabei als Silberschmied in eigener Sache. Wir werden alles uns Mögliche tun, um mehr und mehr neues Tafelsilber in Berlin zu bilden, zu sammeln und zu pflegen. In wenigen Tagen beginnen die ExistenzGründertage 1999, die Gründungswilligen den Weg in die Selbständigkeit ebnen sollen. Die IBB unterstützt aussichtsreiche Tech-nologiefirmen mit Beteiligungs- und Wagniskapital und zentralisiert Förderprogramme wie das Mittelstandsförderprogramm für Forschung und Entwicklung (FuE) unter ihrem Dach. Auch dies sind nur einige Beispiele.

Doch lassen Sie mich hier eins anmerken: Jeder gute Förderwille greift ins Leere, wenn die Bundesregierung durch Flickwerke wie die gesetzliche Neuregelung zur Scheinselbständigkeit für eine massive Verunsicherung unter den Gründerwilligen sorgt, wenn nicht sogar manche Existenz damit gefährdet! Nachbessern ist ja für die Bundespolitik die Losung des Frühlings, es bleibt also zu hoffen, dass auch auf diesem Feld noch nicht das letzte Wort gesprochen ist.

Was die äußeren, nichtpolitischen Rahmenbedingungen angeht, liegt Berlin schon heute vor vielen anderen deutschen Städten. Das DIW hat es erst kürzlich festgestellt: Es gibt zahlreiche gut qualifizierte und flexible Arbeitskräfte, die Büromieten und Lebenshaltungskosten sind in Berlin niedriger, auch die Arbeitskosten liegen deutlich unter denen von Hamburg, München oder Frankfurt am Main. Junge Unternehmen werden in Berlin in 21 Technologie- und Gründerzentren mit bisher über 300 Millionen DM gefördert, mit denen besonders neue technologische Felder erschlossen werden.

Dazu gehören Bio- und Gentechnologie, Verkehrs- und Automatisierungstechnologie sowie Informations- und Kommunikations-technologie.

Die Nähe zur Hochschule ergibt ein kreatives Umfeld, das allen Gründerunternehmen aus Hightechbranchen zugute kommt. In Berlin investieren mittlerweile über 1.300 Unternehmen mit großem Erfolg in Zukunftstechnologien. Die bekanntesten Großunternehmen der Branche sind in Berlin zu finden - ich nenne nur Namen wie debis, Siemens, PSI, Lobster, EB data, AEG-Software-Technik. Dazu kommen die Medienstadt Babelsberg als Hightech- und Filmcenter sowie Adlers-hof und kleinere und mittlere Unternehmen der Medienbranche.

Wie fruchtbar ein solches Miteinander von Wissenschaft und Wirtschaft sein kann, erleben wir gerade hier in Adlershof - ich nehme an, viele von Ihnen werden mir dies bestätigen. Unweit des künftigen neuen Flughafens Berlin-Schönefeld entsteht hier auf rund 72 Hektar einer der modernsten Technologieparks Europas, dessen Forschungsschwerpunkte sich auf zentrale Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts konzentrieren. Im WISTA-Konzept, das mir stets ein persönliches Anliegen war, findet die Idee eines Laboratoriums der kurzen Wege vom Geistesblitz zum marktfähigen Produkt seinen Niederschlag. So lassen sich über Synergien zwischen Industrie und Forschung in enger Zusammenarbeit neue Produkte entwickeln und vermarkten.

Drei Firmen des WISTA präsentierten ihre Ergebnisse und Produkte bereits marktreif auf der diesjährigen Hannover-Messe. Im Rahmen einer BDI-Initiative "Mutige Unternehmer braucht das Land" wurden bundesweit 30 Unternehmen besonders aus-gezeichnet. Zwei davon, die Jerini Bio Tools und die RÖNTEC, sind hier in Adlershof ansässig, das dritte, die TELES AG, erhielt sogar einen Sonderpreis für die Schaffung zahlreicher Arbeitsplätze. All diese Unternehmen führen uns vor, wie man einem deutschen Missstand abhelfen kann: Den Weg der Ideen von der Erfindung zur Vermarktung endlich zu verkürzen und aus neuen Ideen rasch marktfähige Produkte werden zu lassen!

So weit, so gut? Mitnichten. Was können wir tun, damit aus sechs Unternehmen bald sechzig werden? Manches ist schon erreicht, doch es besteht kein Grund, sich darauf auszuruhen. Die Rahmenbedingungen lassen sich in vielen Details sicher noch verbessern. Doch muss ich die leuchtenden Augen mancher Zuhörer enttäuschen, denn angesichts leerer Staatskassen ist kein Raum dafür, staatliche Füllhörner auf breiter Front auszuschütten. Wir müssen gezielt in die Zukunft investieren, und dazu möchte ich auf vier Punkte eingehen.

1. Administrative Zuständigkeit in einer Hand

Kein Silberschmied arbeitet in verschiedenen Werkstätten. Die Dreiteilung der politischen Zuständigkeiten für Technologiepolitik und ihre Förderung ist eine Missgeburt, die immer wieder zu Reibungsverlusten geführt hat. Nicht jede Senatsverwaltung kann hier ihre eigene technologiepolitische Spielwiese aufrechterhalten. In einem neu gewählten Senat machen wir ganz sicher Schluss mit diesem Zustand! Die forschungs-, innovations- und technologiepolitische Zuständigkeit muss in der Hand eines "Zukunftssenators" gebündelt werden.

2. Knüpfen von Netzwerken für Ideen- und Erfahrungstransfer

Die Tatsache, dass bereits einige Unternehmen das wissenschaftliche Potenzial Berlins für neue Geschäftsfelder zu erschließen vermögen, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Vernetzung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft weiter verbesserungsbedürftig ist. Doch Netzwerke sind ein Schlüsselwort in der Gesellschaft des globalisierten Wissens. Das Denken und Arbeiten im Netz ist dabei ein entscheidendes Strukturelement. Kleine, qualitativ hochwertige und leistungsfähige Netzwerke, wie wir sie vor Ort in Berlin schaffen, sind dabei die Voraussetzung für internationale Vernetzung.

Wir müssen uns entscheiden, ob wir ein Regierungssitz mit angeschlossener Großstadt werden wollen - oder ob wir die außerordentliche Vielfalt unserer Stadt als Aktivposten begreifen und fördern auf dem Weg zu einer "Stadt des Wissens", die den Humus für wirtschaftliches Wachstum bildet. Die Zukunft ge-hört wirtschaftlich und wissenschaftlich in Europa und der Welt denjenigen Regionen, die über hoch qualifizierte, regional und international vernetzte Strukturen verfügen. Das vorhandene Expertenwissen in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Verwaltung muss dabei derart gebündelt werden, dass sich die Region als überregional bedeutsamer Standort unverwechselbar profilieren und im Wettbewerb entsprechend positionieren kann.

Die Zukunft Berlins als eine "Stadt des Wissens" liegt darin, in einem internationalen Netzwerk der Städte die Rolle eines Netzknotens mit herausragenden, speziellen Kompetenzen einzunehmen - als Denkfabrik und Schrittmacher, die sich für innovative Problemlösungen national und international einen Namen macht.

Ein international renommiertes Beispiel, wie Berlin seine Stärken fördern und ausspielen kann, ist das Heinrich-Hertz-Institut für Nachrichtentechnik (HHI). Die dortige Expertise in der gesamten Palette der Telekommunikation ist rund um den Erdball gefragt, dort entwickelte Produkte werden mitsamt den Forschern konsequent als Firmen (bisher acht mit insgesamt 96 Mitarbeitern) ausgegründet. Ein solches Profil beschreibt, wie ein Silberstempel mit Gütezahl, im 21. Jahrhundert die Güte des neuen Berliner Tafelsilbers!

Dafür brauchen wir

3. Eine Konzentration der Förderung, eine Bündelung der Kräfte

Berlin darf, in bester Absicht, nicht zum Kompetenzzentrum für unübersichtliche Technologiepolitik des Alles und Nichts werden. Deshalb müssen wir uns auf die Förderung von Leitprojekten in ausgewählten Schwerpunktfeldern Bio- und Gentechnologie, Verkehrs- und Automatisierungstechnologie sowie Informations- und Kommunikationstechnologie inhaltlich und innerhalb der Stadt auch räumlich konzentrieren.

Doch ohne Zugriff auf ein Finanzierungsinstrument laufen auch die besten Konzepte Gefahr, Sprechblasen zu bleiben. Nur so lassen sich Projekte finanziell anschieben, lassen sich Berliner Kofinanzierungen von Projekten ermöglichen, die vom Bund oder der Europäischen Kommission gefördert werden. Dieser Berliner Zukunftsfonds soll sich aus vorgesehenen Privatisierungserlösen speisen - die zehn Prozent aus dem Preis für die Berliner Wasserbetriebe sind nur eine von vielen denkbaren Möglichkeiten, Mittel dort einzusetzen.

Diese Mittel werden zentral von der Technologiestiftung Berlin (TSB) verantwortet. Ich werde dort ein Gremium aus sechs bis acht renommierten Experten mit nationaler wie internationaler Erfahrung einberufen, den Innovationsrat. Dort werden Ideen und Projekte durch externen Sachverstand gehandelt und bewertet, dort wird die Verwendung einzelner Projektmittel empfohlen, damit das Kuratorium der TSB anschließend über einen fachgerechten Einsatz zur Mehrung des Tafelsilbers entscheiden kann. Dabei hat die Stabilisierung und Optimierung der Netzwerke, deren Mangelhaftigkeit bisher beklagt wird, für die TSB oberste Priorität.

4. Klimapflege

Auf diese Weise entsteht in Berlin eine Innovationsplantage des 21. Jahrhunderts - aber eine, auf der mehr blüht als nur Erwartungen! Hinter den vier Schlüsselbegriffen Konzepte, Kompetenz, Kooperation und Kommunikation verbirgt sich der Weg in Berlins Zukunft als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort. Deshalb muss auch beispielsweise der Umzug der betroffenen Fakultäten der Humboldt-Universität nach Adlershof zügig erfolgen. Ich habe ja Verständnis dafür, wenn manch einer in Berlins Mitte aus der eigenen Interessenlage heraus jetzt um Details der Ansiedlung feilscht. Aber: Pioniergeist ist hier gefragt und es darf keine unnötige Zeit verloren werden. Die Institute der HU haben eine einmalige Chance, als wissenschaftliches Kernstück die gegenseitige Vernetzung hier in Adlershof voranzutreiben!

Forschung und Wissenschaft sind nicht nur die Aktivposten unserer Stadt, die ein günstiges Klima benötigen. Forschung und Wissenschaft sind auch die Siebenmeilenstiefel, die uns im Eiltempo in die Zukunft bringen. Forschung und Wissenschaft sind aber auch Potenziale, die uns, das Land Berlin wie die Bundesrepublik insgesamt, weltweit konkurrenzfähig machen und in Verbindung mit der Wirtschaft Arbeitsplätze schaffen. Ihre Ergebnisse retten Leben, schaffen Lebensinhalte und sichern Existenzen!

Das Kapital in den Köpfen müssen wir zueinander führen - und die aussichtsreichsten Ideen mit dem Kapital aus den Kassen versorgen, um eine nachhaltige Entwicklung sicherzustellen.

Ich habe in den letzten Tagen in Gesprächen mit Unternehmen den Eindruck gewonnen, dass es an der Fülle der Förderinstrumente nicht mangelt. Wir müssen nur deren Einsatz optimieren. Dabei gibt es immer wieder Hemmnisse aller Art, von administrativen Zuständigkeiten bis hinein ins Hochschulrecht, die wir gemeinsam angehen und abbauen müssen.

Die Vernetzung beginnt hier und jetzt - Ihre Anregungen, Ihre Ideen, Ihre Leistungen sind gefragt! Ich freue mich auf einen Erfahrungsaustausch mit Ihnen!

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