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HU-Umzug: Die Entdeckung der Beschleunigung

Mathematiker kommen wohl doch erst im nächsten Jahr

WISTA-News, 13.5.1999

Die Humboldt-Universität will nun doch schneller als geplant mit ihren Naturwissenschaften nach Adlershof umziehen. Allerdings rechnet sie nicht damit, daß die Mathematik noch in diesem Jahr, zum Wintersemester, in das WISTA-Business-Center (WBC) einziehen wird. Selbst bei einem positiven Beschluß des Hauptausschusses am 19.5. geht die Uni von einem Umzug im März 2000 aus, weil andernfalls eine solide Lehrplanung nicht mehr möglich sei. Diese Einschätzung wurde von Vertretern der Uni-Leitung und der künftigen Adlershof-Institute bei einem Pressegespräch am 12. Mai im WBC/HU-Institut für Informatik vertreten.

HU-Vizepräsident Elmar Kulke verweist auf den Zeitgewinn in der Summe, der durch den Beschleunigungs-Beschluß des Senats ("Termin für die Mathematik könnte gehalten werden") erreicht wird: „Die Chemie, das IKA, die Physik, das Gefahrstoffzentrum - alle werden um ein Jahr früher fertig. Alle Neubauten sind bis 2003 errichtet.“ Vor allen Dingen rutscht die Mensa nach vorne. „Die Kröte, die wir schlucken müssen, sind die höhere Mietpreise für die Mathematik im WCB“. Und der Verzicht auf einen Neubau der Mathematik.

Über den Mietpreis hat die HU lange mit der WISTA MG verhandelt. Die Mietforderung habe anfangs noch höher gelegen. Jetzt habe man sich, so Kulke, auf einen Preis geeinigt, "der für beide Seiten eine Schmerzgrenze darstellt". Der Mietpreis liegt nach Aussage Kulkes bei 26,74 DM pro qm, was in der Stadt ein marktüblicher Preis für zusammenhängende Flächen sei. Einzelne Uni-Institute in Mitte müßten bis zu 50 DM pro qm Miete zahlen. Pro Monat zahlt die Mathematik 220.000 DM an Miete, fürs ganze Jahr sind das 2,6 Mio DM. Nach den Senatsplanungen, die vom Hauptausschuß noch bestätigt werden müssen, soll das WBC im 2007 für einen Preis von an die 50 Millionen DM gekauft werden. Wichtig ist der HU, daß dieser Kauf heute schon festgelegt wird, damit sich spätere Landesregierungen von dem Deal nicht wieder verabschieden können. Unter dem Strich wird der Kauf des WBC-Teils (für die Mathematik) billiger sein als der Bau eines neuen Instituts. Zudem kommt man noch in den Besitz des Grundstücks an der Rudower Chaussee.

Science statt Business

Sicherlich, das WBC (man sollte es vielleicht künftig in WSC, WISTA Science Center, umbenennen) ist nicht als Hochschulgebäude errichtet worden. „Aber es hat auch Vorteile - darunter sein optisch ansprechender Charakter - und es wird zudem nun für unsere Zwecke umgebaut“, bemerkt Vize Kulke. Die Umbaukosten trägt die WISTA-MG. Schon jetzt beginnen die HU-Informatiker die räumliche Freizügigkeit zu nutzen, und auch den Mathematiker wird am Schluß mehr Fläche zur Verfügung stehen, als sie bei einem Neubau bekommen hätten. Der von allen vermißte große Hörsaal, das Audimax von Adlershof, wird ohnehin erst im Hörsaalgebäude für alle naturwissenschaftlichen Institute enthalten sein.

An Miete muß die HU dem Besitzer des WBC, der WISTA MG eine Miete zahlen, die bis zum Jahre 2007 zu einem Gesamtbetrag zwischen 20 und 27 Millionen DM aufwächst. Allerdings müssen diese Kosten auch den durch den schnelleren Umzug ermöglichten Miet-Einsparung in Mitte gegenübergestellt werden. Bei der Geographie macht das pro Jahr 2,3 Mio DM aus. In der Summe des Beschleunigungseffektes sind es allein für die Geographen 9,2 Mio DM, die als Mietzahlung wegfallen.

Zentralisierung an der Peripherie

Hinzu kommt ein nicht-quantifizierbarer Effekt: In Mitte schlägt zwar der Puls der Hauptstadt, aber viele HU-Institute hausen in erbärmlichen und beengten Räumlichkeiten. Schon jetzt kann die HU sog. S-Professuren in der Wirtschaftswissenschaft nicht besetzen, weil sie ihren Stiftungs-Profs keine adäquaten Räumlichkeiten anbieten kann. Der Umzug der Naturforscher befördert diese nicht nur in Laborausstattungen des 21. Jahrhunderts, sondern verschafft auch den Mitte-Fakultäten mehr Luft. Hinzu kommt, daß der j.w.d.-Nachteil Adlershofs für einige Institute durch einen Zentralisierungs-Gewinn mehr als wettgemacht wird. Derzeit sind etwa die Chemie, aber auch die Mathematik in Berlin-Mitte auf drei Standorte verteilt. Bei der Chemie müssen sogar noch Chemikalien fortwährend durch Innenstadt kutschiert werden. Wenn das der Bundeskanzler mitkriegt.

Die HU wünscht sich die vom Senat eingeleitete Umzugsbeschleunigung, bekräftigt Kulke. Dies sei vom AS in der vorigen Woche auch noch einmal so bestätigt worden. "Ohne Wenn und Aber. Wir wollen das Dreier-Paket, denn wir wollen schnell zu einer kritischen Masse in Adlershof kommen".

Abschied vom Töpfchen-Denken

Ihren Anfang nahm die Beschleunigungsplanung im Oktober 1998 mit dem Amtsantritt von StS Hertel. Das „Töpfchen-Denken“ (Kulke) fand ein Ende, die gegenseitige Deckungsfähigkeit der Mittel wurde zugelassen, ein Paket aus drei Modulen wurde gepackt, das jetzt nach Worten den Vize-Präsidenten jetzt nicht wieder aufgeschnürt werden sollte. Obendrauf liegt der "Deckel" von 550 Mio DM, die nach dem Rahmenplan Hochschulebau für die Adlershofer Uni-Bauten genehmigt sind. Diese Summe wird auch nach den Umplanungen "voll ausgeschöpft werden", bekräftigt Kulke.

Von den drei Kasernen auf dem Nordgelände sollen zwei für die Psychologie (2002) und für die Geographie (2003) umgebaut werden. Kulke: „Auf diese Weise bekommen wir in Adlershof schneller eine kritische Masse“.

Chaosforscher gegen Chaos

Für den Direktor des Instituts für Mathematik, Jürg Kramer, würde ein Umzug jetzt im September ein Lehr-Chaos bewirken. „Maßgabe für den Umzug muß die Lehrplanung sein und die braucht acht Monate Vorlauf“, sagte Kramer. Gerade wegen der Abstimmung des Grundstudiums, das wegen der Belegung anderer Fächer noch zum großen Teil in Mitte absolviert werden muß, und dem Hauptstudium in Adlershof müsse dies exakt geplant werden. Für das Wintersemester sei die Lehr-Planung jetzt schon fertig. Ergo komme nur der März 2000 für den Umzug in Frage.

Kramer ist sichtlich gestreßt vom Hü und Hott der Umzugspolitik. "Mitte April wurde uns gesagt, wir sollten zum September umziehen", berichtet der Wissenschaftler. "Ich habe das abgelehnt". Kramer und seinen Kollegen mißfällt, daß sie "wie Marionetten herumgereicht werden". Seine Sorge ist, daß derlei Nichtlinerarität (mit der mathematische Chaosforscher ansonsten ganz gut zurechtkommen) auf den studentischen Zuspruch durchschlägt. "Wir müssen unsere Studentenzahl stabil halten", sagt Direktor Kramer. "Das ist die große Unbekannte".

Hier können indes die Informatiker Entwarnung geben. "Die haben soviele Studenten wie noch nie", bemerkt Vize Kulke. Das dürfte zwar überwiegend an der allgemeinen Informatik-Konjunktur liegen. Aber ein negativer Adlershof-Effekt läßt sich nicht ausmachen.

Probleme mit USV usw.

Und auch das: Von den Informatikern lernen, heißt umziehen lernen. Eine ganz wichtige Lektion der Operation im vorigen Sommer war es, so Kulke, daß vor dem Anrücken der Möbelwagen zunächst die infrastrukturellen Grundlagen gegeben sein müssen. Das fehlte teilweise bei den Informatik-Pionieren und sorgte für erhebliche Probleme: weil es keine USV Unabhängige Stromversorgung gab, sind durch die wiederholten Stromausfälle im WBC eine Reihe von Rechnern ruiniert worden. Auch die Verdunkelung war nicht brauchbar, ebenso wie die Klimaanlage parallel zum Lehr- und Forschungsbetrieb umgebaut werden mußte. Natürlich ist es günstiger, alle diese Arbeiten vor dem Einzug der Nutzer erledigt zu haben.

Den Einwand, Adlershof verfehle den Campus-Charakter, will Kulke nicht gelten lassen. Im Gegenteil: durch das IKA und die umgenutzten Kasernenbauten auf dem Nordgelände entstehe ein richtiges Forum, das auch noch richtig schön begrünt werden könne. Campus at it’s best.

Grund läßt Grundstein allein

Ein regelrechtes Adlershofer Sorgenkind ist für die HU ihr Chemie-Neubau. Im September letzten Jahres wurde der Grundstein füpr das Gebäude gelegt. Im März erlaubte sich Uni-Präsident Meyer auf dem Adlerhofer Hochschultag die süffisante Bemerkung, daß es doch an der Zeit sei, wenn sich zu dem ersten Stein nun doch auch noch andere gesellten. Der Grund für die Verzögerung war der Baugrund, genauer gesagt Bodenuntersuchungen, die dazu führten, daß die Grundierungsplanung - auch für die Physik - neu vorgenommen werden mußten. Jetzt soll es, so Kulke, mit der Chemie wieder schneller vorangehen.

Für Prof. Jürgen Rabe, Dekan der MathNatFak I, ist die ganze Adlershof-Diskussion seiner Universität "zu sehr eine finanzielle Debatte". Zu wenig würden die Belange der Universität in ihrer Gesamtheit einbezogen, zu wenig auch in Visionen gedacht. "Wir müssen doch wissen, wo wir hinwollen".

Etwa die Vision eines anderen Studiums: Derzeit wird an der HU die Einrichtung eines Bachelor-Studiengangs zum Thema "Polymer Science" vorbereitet, ein sechssemestriges Studium in englischer Sprache. Weitere neue Studiengänge sind in der Planung.

HU gegen Graduate School

Ihre Schwierigkeiten hat die HU dagegen mit dem Vorhaben einer "International Graduate School", die StS Hertel in Adlershof einrichten will. Die HU, so Vize-Präs. Kulke, besitze schon eine große Zahl an Graduiertenkollegs und nehme hier bundesweit eine Spitzenstellung ein. Schon von daher stehe die Universität "kommerziellen Angeboten, die parallel zu unseren Kollegs etabliert werden sollen, skeptisch gegenüber". Darüber hinaus sei in der Uni über den Hertel-Plan "zu wenig bekannt".

Keine Berühungsängste hat man indes mit der FHTW. Es sei eine "faszinierende Idee", meint Kulke, wenn die Ost-Berliner Fachhochschule derzeit wieder Adlershof als möglichen Ansiedlunsstandort ins Kalkül ziehe. "Das wäre eine eindeutige Bereicherung des Standorts", so der HU-Vize.

Interessante Vergleichsmöglichkeiten bot in dieser Woche auch eine Veranstaltung bei den HU-Biologen, in der auch Verteter aus Heidelberg und München auftraten, wo ebenfalls die Naturwissenschaften der Universität dabei sind, sich an den Rand der Stadt zu verlagern. In Heidelberg, so wurde berichtet, habe dies auch Auswirkungen auf die Struktur des Studiums gehabt und die Bedingungen der Studienreform verbessert. - Diese Wirkung hat auch Wissenschaftssenator Radunski im Visier: Adlershof als Reformtreibsatz für die Berliner Universitäten.

Manfred Ronzheimer

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Termin für die Mathematik könnte gehalten werden
Staatssekretär Hertel zur Auseinandersetzung über den Umzug der Humboldt-Universität nach Adlershof

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Presseberichte zum Thema:

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Pioniere wider Willen
Hauptausschuß entscheidet morgen über Beschleunigung des HU-Umzugs nach Treptow
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Berliner Morgenpost, 28.4.1999
Zurück zu den Wurzeln nach Karlshorst?
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Weitere Informationen:

Der aktualisierte Stand der Umzugsplanung

Beschleunigter Umzug der HU nach Adlershof
Senatsbeschluß vom 13.4.99

Die Adlershof-Seiten der Humboldt-Universität

Homepage HU-Institut für Mathematik

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Die Position der Studenten: Vorzeitiger Umzug des Institutes für Mathematik - - Übernahme des WBC durch die Universität - das Ende der Vision Adlershof

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