Adlershof aktuell

Bridging the Gap - Wissenschaft und Technologietransfer

Das Beispiel des Ferdinand-Braun-Instituts für Höchstfrequenztechnik (FBH)

Von Dr.-Ing. habil. Wolfgang Heinrich (FBH)

„Technologietransfer“ ist in der deutschen Forschungspolitik zu einem Schlüsselbegriff geworden. Veranlaßt durch die Beobachtung, daß von zahlreichen Forschungsergebnissen nur wenige den Weg zur Anwendung und damit zur wirtschaftlichen Nutzbarkeit finden, ist er zur Prämisse öffentlicher Förderpolitik avanciert. Vermittlungsagenturen und Transferstellen, die den Kontakt zwischen Wissenschaft und Industrie verstärken sollen, wurden und werden immer noch mit großem finanziellen Aufwand geschaffen. Allein, der Erfolg dieser Maßnahmen ist zweifelhaft und das Postulat, es gehe nur darum, für ein schier unerschöpfliches Arsenal von hochkarätigen Forschungsergebnissen die richtigen Anwendungen zu selektieren, findet kaum Glaubwürdigkeit.

Wie ist es möglich, die Lücke zwischen Grundlagenforschung und Anwendung, zwischen Wissenschaft und Industrie zu schließen? Die Initiative der Wissenschafter selbst ist gefragt. Der folgende Artikel unterstreicht den pragmatischen Ansatz: "Es gibt nichts Gutes, außer - man tut es" - zusammengefaßt in vier Thesen und ergänzt durch Beispiele; ein Plädoyer für die Vernetzung zwischen Wissenschaft und Industrie, geschrieben aus der Sicht des Ferdinand-Braun-Instituts, eines ingenieurwissenschaftlichen WGL-Instituts mit exzellenten Kontakten zum industriellen Kunden. Der Beitrag soll zur Diskussion anregen. Auf eine abschließende Wertung wird bewußt verzichtet, zugunsten von Beispielen aus dem Ferdinand-Braun-Institut, die die vorgestellten Thesen belegen und illustrieren.

These 1: Technologietransfer ist Sache der Wissenschaftler

Das klassische Bild trügt: Der Wissenschaftler, der im stillen Kämmerlein forscht und nach Abschluß seiner Untersuchungen mit einer neuen Idee an die Fachöffentlichkeit herantritt, die seine Ergebnisse dankbar aufgreift und in „Innovation“ umsetzt. Ein solcher Transfer wird nur in Ausnahmefällen gelingen und kann nicht als Leitlinie dienen. Technologietransfer darf nicht erst beginnen, nachdem die Forschungsarbeiten abgeschlossen sind und fertige Ergebnisse vorliegen, für die man dann Abnehmer sucht. Der Transfergedanke muß bereits von Anfang an wirksam werden. Das Wissen um Anwendungen, auch das Interesse des Kunden, muß schon in einem frühen Stadium der Arbeiten einbezogen werden. Das betrifft sowohl die generelle thematische Ausrichtung als auch die vielen kleinen Randbedingungen. Nur so ist gewährleistet, daß die gefundene Lösung nicht nur im Prinzip richtig ist, sondern vom Industriepartner auch übernommen werden kann.

These 2: Technologietransfer erfordert Kommunikation

Diese These mag banal klingen. Und doch scheitert manches Kooperationsprojekt, weil die Partner zu wenig miteinander reden. Dies gilt um so mehr für die Kommunikation zwischen Industrie und Wissenschaft. Die Erfahrungswelten und die Sachzwänge sind hier und dort oft sehr unterschiedlich; sicher müssen auch manche Vorurteile auf beiden Seiten abgebaut werden. Wie anders aber soll der Wissenschaftler den Bedarf und das Anwendungspotential auf Seiten der Industrie verstehen, wenn nicht im Gespräch mit dem Systementwickler? An dieser Stelle sei angemerkt, daß die heute gebräuchlichen Formen der elektronischen Kommunikation sehr hilfreich sind, aber ihre Grenzen haben. Die verbale Kommunikation ist nur ein Teilbereich des Ganzen, virtuelle Kommunikation allein genügt nicht, auch die "Chemie" und die unmittelbare Anschauung spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle.

These 3: Industrienähe heißt nicht Abhängigkeit

Zusammenarbeit mit industriellen Partnern bedeutet nicht Abhängigkeit des Forschungsinstituts. Natürlich verstärkt sich der Einfluß des Anwenders durch seine Sicht der Aufgabenstellung, aber dies ist ja Sinn der Zusammenarbeit. Gleichzeitig muß die Wissenschaft dafür Sorge tragen, daß ein Forschungskonzept die nötige Breite wahrt und nicht vollständig vom Anwender diktiert wird. Dessen Puls schlägt schnell und fordernd, er wird aber erfahrungsgemäß vom kurzfristigen Bedarf des Markts bestimmt. Es ist Aufgabe und Chance der Wissenschaft, in diesem Spannungsfeld die längerfristigen Perspektiven zur Geltung zu bringen. Dieses Wechselspiel wird leider nur zu häufig als einfache Entschuldigung genutzt, um auf Distanz zum Anwender zu bleiben. Wenn Technologietransfer gelingen soll, darf es keine Berührungsängste geben.

These 4: Technologietransfer will gelernt sein

Die Motivation, mögliche Anwendungen der eigenen wissenschaftlichen Arbeiten im Blick zu behalten, kann man nicht verordnen. Bereits in der Ausbildung werden die Weichen gestellt. Welches Bild der Wissenschaftlerin oder des Wissenschaftlers wird im Studium vermittelt? Geht es allein um hehres Wissen oder wird das Interesse geschürt, das eigene Wissen für andere nutzbar zu machen? Die Erfahrung, daß mein Wissen nicht allein im Kreise der Eingeweihten diskutiert wird, sondern zu greifbaren Ergebnissen geführt hat, ist ein zentrales Erfolgserlebnis. Deshalb ist es entscheidend, bereits in der Ausbildung darauf einzugehen und die Perspektive entsprechend breit zu halten.

Beispiele:

Know-how-Transfer

Dies ist der wohl häufigste Fall von Technologietransfer: transferiert werden Ideen, Entwürfe und Wissen. So werden am Ferdinand-Braun-Institut Methoden zur elektromagnetischen Simulation planarer Mikrowellen-ICs entwickelt. Man könnte sich nun an Schnelligkeit, Effizienz oder Ästhetik der neu entwickelten bzw. verbesserten Rechenverfahren ergötzen. Wir transferieren das Ergebnis lieber sehr schnell zu industriellen Anwendern wie Bosch Telecom, Alcatel SEL oder DASA, indem wir neben der Methodenentwicklung auch deren Anwendung für das Design von Schaltungen und Multichip-Modulen betreiben. Der Einsatz von "State-of-the-art"-wissenschaftlicher Software ermöglicht so neue Lösungen, die direkt in die Entwicklungsarbeiten beim Industriepartner einfließen.

Ein zweites Beispiel findet sich am FBH im Bereich der Halbleitertechnologie. Konkret geht es um Bipolartransistoren aus Heterostrukturen von Verbindungshalbleitern wie Galliumarsenid, um sogenannte HBTs, die in den neuesten Geräten für die Mobilkommunikation, z.B. in Handys, eingesetzt werden. Hierfür werden am Institut im Rahmen abgestimmter Industriekooperationen u.a. Neuerungen und Verbesserungen des Herstellungsprozesses entwickelt und ausgetestet. In der Industrie können hierfür weder die personellen Kapazitäten noch die nötigen Apparaturen freigestellt werden, da die Produktion Vorrang hat. Wieder besteht der Technologietransfer darin, daß Wissen zum Industriepartner gelangt, ein unschätzbarer Vorteil im internationalen Wettbewerb.

Ein drittes Beispiel zeigt sich am FBH im Rahmen seines Konzepts „Unternehmen im Umfeld“ bei der Kooperation mit der Sentech Instruments GmbH in Berlin-Adlershof, einem weltweit tätigen Hersteller von Reaktoren zum Trockenätzen von Halbleitern. Hier betreibt das Institut in seinem Reinraum das Applikationslabor und führt die Prozeßentwicklung auf neu entwickelten Anlagen durch. Da Kunden aus der Halbleiterindustrie neue Anlagen nur in Verbindung mit entsprechendem Prozeß-Know-how kaufen, steigen die Chancen von Sentech am Weltmarkt durch die Kooperation mit dem FBH erheblich.

Realisierung von Schlüsselbauelementen für innovative Produkte

Kleine und auch große Unternehmen, die innovative Systeme für spezifische Anwendungen realisieren, benötigen Schlüsselkomponenten mit sehr spezifischen Kenndaten. Diese sind häufig aufwendige Spezialentwicklungen, die nur in geringen Stückzahlen benötigt werden und am Markt oft nicht verfügbar sind. Da eine Kleinserienfertigung mit Erfolg auch im Institutsrahmen durchgeführt werden kann, ist hier ein Produkttransfer möglich und gewünscht, der eine große Wertschöpfung im System beim Industriepartner möglich macht.

Beispielsweise realisiert das FBH Hochleistungslaserdioden-Arrays für die Jenoptik Laserdiode GmbH. Diese werden in der Lasertechnologie zum Pumpen von Festkörperlasern und in optischen Systemen z.B. für die Sensorik, Materialbearbeitung, Drucktechnik oder Medizintechnik eingesetzt. Während Jenoptik bei Standard-anwendungen Laserbarren kommerzieller Hersteller einsetzt, erlaubt die flexible Kooperation mit dem FBH die Weiterentwicklung der Montageverfahren bei Jenoptik und die innovative und zügige Bearbeitung ausgefallener Kundenbedürfnisse.

Ausgründungen

Sind neue an Instituten entwickelte Produkte am Markt erfolgreich, werden schnell Stückzahlen erreicht, die die Ziele und Möglichkeiten eines Forschungsinstituts überschreiten. Hier bieten sich Ausgründungen von Firmen an, in denen sich Wissenschaftler aus dem Institut heraus selbständig machen. Zu Beginn unterstützt sie das Institut mit Know-how, Einrichtungen und Geräten; mittelfristig stehen sie auf eigenen Füßen. Hier findet ein Transfer in zweifacher Weise statt: der Transfer sowohl von Ideen und Know-how als auch von "Köpfen", d.h. den Wissenschaftlern, die diese Ideen entwickelt haben.

Am FBH bereiten gerade Mitarbeiter der Arbeitsgruppe „Metallorganische Gasphasenepitaxie“ eine Ausgründung vor. Mit diesem Kristallzuchtverfahren werden die ultradünnen und hochperfekten Kristallschichten - Epitaxieschichten - aus Verbindungshalbleitern für die oben schon erwähnten HBTs angeschieden. Bis jetzt werden derartige Epitaxieschichten, die die Schlüsselbausteine im stürmisch wachsenden Markt der Mobilkommunikation sind, nur in den USA angeboten. Die großen und in diesem Feld weltweit führenden deutschen Halbleiterhersteller haben ein sehr großes Interesse an einem Lieferanten vor der Haustür. Die Initiatoren der FBH-Ausgründung „Berlin Epitaxial Services“ wollen die Chance nutzen und das am Institut erarbeitete Know-how in einen kommerziellen Erfolg ummünzen.

Aus:WGL-Journal 4/1998, Bonn

Ansprechpartner:
Dr.-Ing. Wolfgang Heinrich
Tel. 030/6392 2620, email: heinrich@fbh-berlin.de


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Wegbereiter von Mobilfunk und Internet
Ausstellung über den Physiker Ferdinand Braun in Adlershof

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Adlershof Aktuell September 1999
Informationen aus dem Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Berlin-Adlershof

Zur Homepage des FBH

BerliNews 22. 1. 99
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Der Wissenschaftsrat evaluierte drei Berliner Physik-Institute: HHI, PDI, FBH

WISTA-News, 23. 12. 98
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Der indische Physiker Arnab Bhattacharya arbeitet am FBH in Adlershof am roten Diodenlaser

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FBH: Innovationsschub für die Chiptechnologie
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