Wolf Lepenies: Anmerkungen zur auswärtigen Bildungspolitik
Bildungsforum der Berliner Universitäten
5.November 1997Die Berliner Universitätspräsidenten haben mich eingeladen, im Rahmen dieses Forums und für ein akademisches Viertel Anmerkungen zur auswärtigen Bildungspolitik vorzutragen. Wie könnte ich ihnen besser danken als dadurch, daß ich zum Auftakt einen der ihren zitierte: "[Ich zögere nicht zu behaupten], dass auf dem Gebiet der höheren Studien die deutschen Einrichtungen im Ganzen denen aller übrigen Länder überlegen sind, ja dass von Mängeln abgesehen, wie sie jeder menschlichen Veranstaltung anhaften, die deutschen Universitäten so organisirt sind, wie aus Einem Gusse nur tiefe gesetzgeberische Weisheit sie hätte schaffen können." Es war der Rektor der Friedrich-Wilhelms-Universität, es war Emil Du Bois-Reymond, der mit diesen Worten die Studenten zum Auftakt des Wintersemesters 1869 begrüßte.
Heute klingt seine Behauptung überheblich, doch damals lag ihr nicht nur ein deutscher Anspruch, sondern ein europäischer, ja weltweiter Konsens zugrunde. Auch mit Hilfe seiner Bildungspolitik konnte Preußen Staat machen, siegreiche Schlachten schlagen und schließlich ein Reich gründen: die Franzosen sahen im preußischen Schulmeister den eigentlichen Sieger von Sedan und kopierten das deutsche Bildungssystem bis in die Details - neidisch auf ein Land, in dem Moltke ein Vorbild auch für Akademiker war und, wie es schien, jeder Offizier promoviert hatte.
Zu militanter Überheblichkeit besteht heute kein Anlaß mehr, aber es gibt auch keinen Grund zu Nostalgie oder Zerknirschung. Wir sind im Bildungsexport zurückgefallen - aber um die Institutionen unserer auswärtigen Bildungs- und Kulturpolitik, ob es sich nun um die Alexander von Humboldt-Stiftung, den Deutschen Akademischen Austauschdienst oder die Goethe-Institute handelt, beneidet uns immer noch die Welt. Ich möchte von den Chancen, nicht von den Versäumnissen unserer auswärtigen Bildungspolitik sprechen, also davon, wie unsere Bildungsinstitutionen wieder attraktiver für Ausländer werden und wie wir im Ausland die Nachfrage nach unseren Bildungsgütern steigern können. Ich konzentriere mich dabei auf den Ideenstreit.
Für den Ausblick in die Zukunft unserer auswärtigen Bildungspolitik ist eine Rückerinnerung notwendig. Zu den Folgen des Nationalsozialismus gehörte es, daß Deutschland durch die Vertreibung und Vernichtung jüdischer Gelehrter unendlichen Schaden nahm - und zugleich von deren Vertreibung und Wiederkehr entscheidend profitierte. Die erzwungene Abwanderung und die Auslöschung des jüdischen akademischen Bürgertums haben unseren kosmopolitischen Anspruch auf Jahrzehnte geschwächt - zugleich haben die deutschen Bildungsanstalten und Bildungseliten durch ihr Versagen ein Beispiel dafür gegeben, daß Bildung allein, wenn sie nicht von Zivilcourage und Toleranzbereitschaft, daß Rationalität allein, wenn sie nicht von Humanität begleitet wird, der Barbarei nicht zu widerstehen vermögen.
Die Emigranten konnten nur das Überlebensnotwendigste mitnehmen. Sie hatten das deutsche Bildungsgut in ihrem Fluchtgepäck. Opfer der nationalsozialistischen Politik, wurden sie im Ausland zu engagierten Botschaftern der deutschen Wissenschaft und Kultur. Wenig später wurde in der Bundesrepublik der erzwungene Traditionsbruch in vielen Disziplinen durch eine frühzeitige Internationalisierung kompensiert. Traditionskerne der deutschen Wissenskultur überlebten so nur in Mischformen - zu ihrem Vorteil, denn dadurch wurde ihre Anschlußfähigkeit erheblich gesteigert. Die kulturelle 'Westorientierung' nahm die Integration in das politische Bündnis vorweg und trug später zu seiner Stabilisierung bei.
Auch im Bereich der auswärtigen Bildungspolitik ist mit der deutschen Vereinigung diese Nachkriegsgeschichte nunmehr abgeschlossen. Heute müssen wir uns fragen, wie wir nach der 'Verwestlichung' der deutschen Wissenskultur die Chancen zu ihrer 'Verweltlichung' erhöhen können. In meinen Augen ist dies die Kernfrage unserer auswärtigen Bildungspolitik.
Das Allgegenwartswort 'Globalisierung' zeichnet das Bild einer sich unaufhaltsam vereinheitlichenden Welt. Aber während die Oberfläche der einen Welt immer einförmiger wirkt, stoßen darunter heftiger als je zuvor die unterschiedlichen Lebensweisen aneinander. Viel wird in der Weltgesellschaft der Zukunft davon abhängen, daß sich zwischen den einzelnen Kulturen zunehmend Lerngemeinschaften herausbilden und daß durch die Bündelung unterschiedlicher Erfahrungen unsere gemeinsamen Innovationschancen wachsen.
Was ich in einem Vorschlag zur Neuorientierung der deutschen auswärtigen Kulturpolitik gesagt habe, kann ich an dieser Stelle nur wiederholen: Die Europäisierung der Welt ist an ihr Ende gekommen, und die Industriegesellschaften Europas, die sich traditionell als Belehrungsgesellschaften verstanden, müssen wieder zu Lerngesellschaften werden. Aus den Erfahrungen nach dem Zweiten Weltkrieg wissen wir, welche entscheidende Rolle die Lerngemeinschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Europa oder innerhalb Europas zwischen Frankreich und Deutschland gespielt hat. Umsomehr bleibt zu bedauern, daß nach dem Wunderjahr 1989 große Chancen vertan wurden, weil - nicht zuletzt in Deutschland - der Westen, auch aus Überforderung, sich in eine Belehrungsorie steigerte, statt sich angesichts unerhörter Herausforderungen auf ein gemeinsames Lernen mit dem Osten einzulassen.
Unsere Denkstile und Denkwerkzeuge sind geprägt von der langen Tradition des Umgangs mit der Kultur überernährter Bevölkerungen. In der Öffnung für die Welt aber, d.h. nicht zuletzt für die nicht-europäische und die nicht-westliche Welt, sehe ich die größte Aufgabe und die entscheidende Herausforderung für unsere auswärtige Bildungspolitik. Denn wir täuschen uns, wenn wir in unserer Anstrengung, das Fremde zu verstehen und zugleich für Fremde attraktiv zu werden oder zu bleiben, nachlassen, weil wir glauben, daß die Welt ohnehin immer einförmiger wird. Vielmehr könnte als Motto unserer auswärtigen Bildungspolitik auch der Satz von Claude Lévi-Strauss gelten: Nicht die Ähnlichkeiten ähneln sich, sondern die Unterschiede.
Auch in unserem Streben nach Besonderheit kommen wir nicht darum herum, uns mit den Besten zu messen. Zu fragen aber bleibt, ob die Chancen für ein deutsches Harvard schon dadurch wachsen, daß wir nichts anderes tun, als Harvard zu imitieren und ob ein deutsches Princeton nicht versuchen sollte, ein wenig anders zu sein als Princeton, um mit dem großen Vorbild ganz mitzuhalten. Ausländer werden sich nicht mit dem Duplikat begnügen, wenn sie sich das Original leisten können.
Wenn wir im Bereich der Bildung besonders gut sein wollen, müssen wir auch etwas Besonderes sein. Und das Stichwort 'Globalisierung' sollten wir nicht als Einladung deuten, uns an jeder weltumspannenden Provinzialität zu beteiligen. Wenn wir die auswärtige Bildungspolitik nur als einen Aufholwettbewerb verstehen, hat uns dafür Helmuth Plessner bereits das warnende Motto geliefert: "Man kommt immer noch früh genug zu spät." Andererseits ist die auswärtige Bildungspolitik nicht dazu da, um unser Bedürfnis nach Exotik zu befriedigen. Sie muß vielmehr möglichst günstige Rahmenbedingungen für unser Bestehen im internationalen Wettbewerb schaffen. Dies aber kann nur gelingen durch die Förderung einer kontrollierten und anschlußfähigen Originalität.
Entscheidend dafür sind neue Weichenstellungen in unserer Ideenpolitik - und zugleich die sorgsame Pflege von Traditionen, die sich oft als zukunftsträchtiger erweisen als das letzte Geschrei im postmodernen Bildungs- und Kulturbetrieb. Ich nehme dafür die Sprachenfrage als ein Beispiel. Zu den Selbstverständlichkeiten unserer Bildungspolitik wird es gehören, das Englische nicht länger als Fremdsprache, sondern als zweite Muttersprache anzusehen. Man mag die Anglo-Amerikanisierung vieler Bereiche der Weltkultur beklagen - mit dem Siegeszug des Englischen ist der alte Traum vom Weltidiom verwirklicht. Daraus sollte aber keine Vernachlässigung der 'echten' Fremdsprachen folgen - im Gegenteil.
In seiner Festrede vor dem diesjährigen Romanistentag in Jena hat Harald Weinrich aus Gründen intellektueller Ökologie ein überzeugendes Plädoyer gegen die sprachliche Monokultur - d.h. die ausschließliche Kultivierung des Englischen - gehalten. Wir belächeln in der Regel die französische Sprachpolitik, die in der Tat ihre komischen Züge hat. Aber wir sollten es zum Bestandteil unserer auswärtigen Bildungspolitik machen, den Versuch zu unterstützen, Europa als einen Kontinent der Sprachen- und damit der Kulturenvielfalt zu bewahren und wir sollten darüberhinaus alle Anstrengungen unternehmen, um größere Anreize zum Lernen außereuropäischer Sprachen, etwa des Chinesischen und des Japanischen, zu geben.
Wenn man etwas Besonderes sein will, muß man nicht überall dabei sein. Beklagt wird, daß kein deutscher Wissenschaftler - mit Ausnahme Reinhard Seltens - den Nobelpreis für Ökonomie erhalten hat. So what? In diesem Jahr ist der Nobelpreis Wissenschaftlern verliehen worden, die die Grundlage für das rapide Wachstum des Handels mit Derivaten in den letzten zehn Jahren gelegt haben. Tausenden von Händlern und Investoren hat diese Formel erhebliche Gewinne eingebracht - wie die Kgl.-Schwedische Akademie der Wissenschaften, auch meine Akademie, in ihrer Preisbegründung in schöner Offenheit mitteilte. Ein intellektuelles Ärgernis ist die Verleihung dieses Nobelpreises, weil bedeutende Ökonomen wie Amartya Sen und Albert Hirschman - der Princetoner, der in Berlin geboren wurde - mit ihren bahnbrechenden Untersuchungen zu Armut und Ungleichheit, zur Unterentwicklung und zu Umweltfragen erneut leer ausgingen. Hier sollten wir nicht über entgangene Nobelpreise klagen, sondern die hervorragenden Forschungen in unserem Land unterstützen, die zur Ausbildung einer heute dringend benötigten politischen Ökonomie beitragen. Das ist dann vielleicht nicht die Ökonomie der futures, für die man gegenwärtig Nobelpreise bekommt, aber es ist, davon bin ich fest überzeugt, die Ökonomie der Zukunft.
Wir leben in einer Zeit allgemeiner Kurzatmigkeit. Den Blick starr auf die Medien gerichtet, wetteifern Legislaturperiodenpolitik und Ereigniskultur um Schlagzeilen und Einschaltquoten. Sich darüber kulturkritisch zu grämen, hilft wenig. Im Bereich der auswärtigen Bildungspolitik aber gilt es besonders, die Pflicht zur Gelassenheit zu betonen. Vor allem meine Tätigkeit in Osteuropa hat mich in der Überzeugung bestärkt, daß wir dringend einer Politik der langen Fristen bedürfen, die ich als 'Politik der Mentalitäten' gekennzeichnet habe. Die Stärke der europäischen Eliten lag einst in ihrer Fähigkeit zum Verzicht auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung und zum Denken auf lange Sicht. Diese Fähigkeit müssen wir wiedergewinnen.
Stärker als bisher müssen wir im Bereich der auswärtigen Bildungspolitik alles tun, um die lokalen Wissenskulturen in Mittel- und Osteuropa auf Dauer zu stärken. Es gibt dafür auch ökonomische Gründe: eine solche Unterstützung, die den besten einheimischen Wissenschaftlern Anreize verschafft, weiter in ihrem Lande zu bleiben und exzellente Wissenschaftler aus dem Ausland anlockt - eine solche Unterstützung wird uns weniger kosten als die Folgen des zunehmenden brain drains, die wir immer deutlicher spüren.
Es gibt dafür aber auch Gründe der geistigen Ökonomie: wir können es uns auf unserem alten Kontinent nicht leisten, das Reservoir unserer Kompetenzen und Begabungen nicht voll auszuschöpfen. Deswegen, Herr Minister, war es so wichtig, daß Sie Ihre energische Unterstützung eines herausragenden Centers of Excellence in Mittel- und Osteuropa, unserer Schwesterinstitution, des Collegium Budapest, in eine europapolitische Perspektive gestellt haben. Denn wir sind noch weit entfernt von einem europäischen Wissenschaftsverbund, in dem die Lehrenden und die Lernenden, die Ideen und die Gedanken sich so frei bewegen wie in der Universität des europäischen Mittelalters.
Doch darf Europa sich nicht im Blick auf sich selbst verlieren, im 'repli sur soi', in dem Jacques Delors das entscheidende Hindernis auf dem Weg zu einer wirklichen Einheit unseres Kontinents sah. Wir müssen der außereuropäischen Welt - und dies sind nicht nur die USA und Ostasien - eine weit größere Aufmerksamkeit widmen. Die muslimischen Gesellschaften in ihrer Unterschiedlichkeit sind für uns immer noch terrae incognitae - genauso wie die meisten Länder Afrikas und Lateinamerikas; die Epoche der sogenannten Globalisierung ist eine Zeit der intellektuellen Kontinentalsperren geblieben. Wir sollten den Mut haben, nach einer Fernkompetenz zu streben, die uns zu größerer Weltläufigkeit und damit auch zu größerer Weltgeltung verhelfen wird. Deutschland mit seiner nur kurzen kolonialen Vergangenheit hat hier besondere Chancen. Es sollte sie nicht zu Alleingängen, sondern zur fruchtbaren Kooperation mit seinen europäischen Partnern nutzen.
Von Friedrich Nietzsche stammt die Feststellung, der Mensch wünsche sich "eine rasche Bildung, um schnell ein geldverdienendes Wesen werden zu können und doch eine so gründliche Bildung, um ein sehr viel Geld verdienendes Wesen werden zu können." Der Zynismus dieser Bemerkung ist heute stumpf geworden - nicht zuletzt, weil sich die Korrelation von Bildung und Verdienst abgeschwächt hat. Geblieben ist die Überzeugung, daß von Bildungsanstrengungen und Ausbildungserfolgen die Zukunftsfähigkeit unseres Landes abhängt.
Deshalb, Herr Bundespräsident, sind wir Ihnen besonders dankbar, daß Sie im Rahmen dieses Bildungsforums sprechen.
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