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Versuch einer späten Wiedergutmachung

Vor 50 Jahren wurde Max Born mit der Max-Planck-Medaille geehrt

Von Dr. Dieter Hoffmann

Als Max Born vor 50 Jahren, am 10. September 1948, auf der Jahresversammlung der Physikalischen Gesellschaft in Clausthal die Max-Planck-Medaille verliehen wurde, ehrte man einen der bedeutendsten Physiker unseres Jahrhunderts. Doch dessen Lebensumstände hätten ihn beinahe von dieser Ehrung ausgeschlossen. Er gehört zu jenen Gelehrten, die die Nationalsozialisten 1933 aus ihren Ämtern jagten und in die Emigration trieben. Dies obwohl Born in den zwanziger Jahren in Göttingen eine weltweit ausstrahlende Physikerschule aufgebaut und mit fundamentalen Beitragen zur Quantenmechanik Weltruhm erlangt hatte. Born mußte sich im schottischen Edinburgh eine neue Existenz aufbauen. Er hat es sicher als eine späte Genugtuung und als Versuch der Wiedergutmachung empfunden, daß ihm als erstem Physiker nach der Zerschlagung des Hitler-Regimes die höchste Auszeichnung der deutschen Physikerschaft verliehen wurde.

Max Born, am 11. Dezember 1882 in Breslau als Sohn eines Anatomieprofessors geboren, studierte Physik in seiner Heimatstadt, promovierte 1906 und habilitierte sich 1909 in Göttingen, wo er bis 1915 auch als Privatdozent wirkte. Nach Professuren in Berlin (1915/19) und Frankfurt am Main (1919/21) kehrte er an die Göttinger Universität zurück. Gemeinsam mit James Franck und Robert W. Pohl machte Born die Universität im folgenden Jahrzehnt zu einer der führenden physikalischen Forschungsstätten der Welt. Unter den großen Forschungsleistungen ragt die Begründung und Ausgestaltung der Quantenmechanik heraus. Als Haupt der schon erwähnten Schule "stampfte er Physikertalente nur so aus dem Boden", ähnlich seinem Münchener Kollegen Arnold Sommerfeld. Herausragende theoretische Physiker dieses Jahrhunderts zählen zu Borns Schülern - von W. Heisenberg und W. Pauli über J. Frenkel, P. Jordan, J.v. Neumann, und J. R. Oppenheimer bis hin zu V. Weiskopf, E. Wigner und K. Fuchs.

Max Borns wissenschaftliches Schaffen berührt fast alle Bereiche der theoretischen Physik. Zunächst stehen - angeregt durch seine Lehrer D. Hilbert und H. Minkowski - Fragen der Relativitätstheorie im Zentrum seines Interesses. Dem schließen sich Arbeiten zur Begründung einer quantentheoretischen Theorie der spezifischen Wärme (gemeinsam mit Th.v. Karman) an. Ein erster Höhepunkt im Bornschen Schaffen ist erreicht, als er 1915 mit seinem Buch "Dynamik der Kristallgitter" eine einheitliche Kristallphysik auf atomistischer Grundlage vorlegt und das Gebiet der Gitterdynamik in einheitlicher und klarer Weise zusammenfaßt. Zugleich ist damit ein wichtiger Grundstein für die Entwicklung der Festkörperphysik gelegt.

In den zwanziger Jahren greift Max Born in entscheidender Weise in die Entwicklung der Quantentheorie ein. Auf ihn geht der Begriff "Quantenmechanik" zurück. Born liefert 1925 zusammen mit seinen Assistenten P. Jordan und W. Heisenberg auch die geschlossene mathematische Theorie der eben erst von Heisenberg begründeten Matrizen- bzw. Quantenmechanik. Seinen fundamentalsten Beitrag leistet er im folgenden Jahr mit der statistischen Deutung der Quantenmechanik. Die Wahrscheinlichkeitsdeutung der quantenmechanischen Zustandsfunktion war eine Pioniertat, verhalf sie doch der Erkenntnis prinzipiell und primär statistischer Naturgesetzlichkeit zum Durchbruch. Wie umstritten diese Leistung war, zeigt sowohl die ablehnende Reaktion seines Freundes und Kollegen Albert Einstein - "der Alte" würfelt nicht -, als auch die Tatsache, daß ihm für diese Leistung erst im Jahre 1954 der Physik-Nobelpreis verliehen wurde: zwei Jahrzehnte nach der Ehrung Werner Heisenbergs und Erwin Schrödingers. Die von Born begründete statistische Deutung der Quantentheorie hat weit über die Physik hinaus Bedeutung erlangt, beinhaltet sie doch grundsätzliche Aussagen über das Wesen der physikalischen Realität und der wissenschaftlicher Erkenntnis überhaupt. Nicht zufällig halten damit zusammenhängende Diskussionen bis heute an.

Als Max Born 1954, nach fast zwanzigjährigem erfolgreichem Wirken in Edinburgh, emeritiert wird, entschließt er sich, nach Deutschland, ins "Land der Massenmörder", wie Einstein ihm bitter schrieb, zurückzukehren. Die letzten beiden Lebensjahrzehnte des Gelehrten - Born stirbt am 5. Januar 1970 in Göttingen - stehen ganz im Zeichen eines engagierten Streitens für die Sache des Weltfriedens und der atomaren Abrüstung. Er wird nicht müde, in Wort und Schrift seine Meinung zu wichtigen weltpolitischen Problemen zu äußern und dabei den Krieg als ein für die Austragung politischer Streitigkeiten untaugliches und amoralisches Mittel zu geißeln.

(Das Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie im Forschungsverbund Berlin e. V. gab sich im September 1992 den Namen „Max Born“)

(Unser Autor ist Privatdozent am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin)

Dieser Text erscheint auch in der Ausgabe 4/98 von "verbund", der Zeitschrift des Forschungsverbundes Berlin e.V. Zu bestellen über Tel: 6393-3339, Fax: 6392-3377
(WISTA-News bedankt sich für die Bereitstellung der Textdatei)


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